Denn Liebe ist die Antwort

Rezension zu Einmal im Leben von Jhumpa Lahiri

Wie in den Sog, in die der Photojournalist Kaushik Choudhuri einst beim Schwimmen vor der venezolanischen Küste geriet, so geht es dem Leser mit dieser nur 175 Seiten kurzen Liebesgeschichte von Jhumpar Lahiri, man kann sich seiner elementaren Kraft nur schwer entziehen.

Als eine Art Selbstversicherung erzählt die 37 jährige, schwangere Hema ihrem abwesenden Geliebten, ihre gemeinsame Geschichte, die lange vor ihrer Liebesgeschichte begann. „Ich hatte dich auch früher schon gesehen, so oft, dass ich es gar nicht zählen kann, aber meine Erinnerung an deine Rolle in meinem Leben setzt bei der Abschiedsparty ein.“ Diese Party gilt Dr. Choudhuri und seiner Ehefrau Parul Di, dem tonangebenden Pärchen einer Exilgemeinschaft von bengalischen Wissenschaftlerfamilien in Cambridge, die mit ihrem damals 9jährigen Sohn Kaushik zurück in die alte Heimat Indien ziehen. Dort in Bombay werden sie in ihrer mondänen Wohnung hoch über dem Arabischen Meer noch manches Mal an die Freunde in Amerka denken, zu denen der Kontakt aber bald abreißt.
7 Jahre später lassen sie ihr Leben erneut in Containern verpackt über den Globus transportieren, und landen nach einem dreitägigen Zwischenstopp in Rom bei Hemas Eltern im Gästezimmer. Doch es lässt sich nicht einfach wieder am Partyabend anknüpfen. Die Ehepaare haben sich von einander entfernt, sind sich fremd geworden über die Zeit. Die Indienrückkehrer wirken amerikanisierter als zuvor, was von den Gastgebern als Ablehnung, der von ihnen fern der Heimat hochgehaltenen, bengalischen Werte missinterpretiert wird. Sie wissen nicht, was die heimlich verliebte 13jährige Hema, die Tochter des Hauses, von dem so abweisenden und verschlossenen drei Jahre Älteren eines Tages erfährt, dass seine Mutter zum Sterben in die USA gekommen ist. Ihre exzentrisch und flatterhaft wirkende Lebensentscheinung ist eigentlich eine Flucht vor der großen, indischen Familie, deren Trauer und Mitleid diese eigensinnige, schöne Frau nicht ertragen könnte. Zwei Jahre kümmern sich die beiden Männer fast alleine um die Krebskranke, in ihrem modernen, puristischen Traumhaus mit Pool. Diese Zeit ist für Kaushik geprägt vom drohenden Verlust der Mutter, aber auch von der erstmaligen Verliebtheit des Eltern, deren Ehe nach indischem Brauch arrangiert worden ist. Diese Aufeinanderbezogenheit der Eltern entzieht ihm die Mutter schon vor ihrem Tod. Erst nach ihrer Totenfeier, ihre Asche wird nach hinduistischem Ritus in dem von ihr so geliebten Meer verstreut, werden die ehemaligen bengalischen Freundinnen informiert und eingeladen sich  an den materiellen Hinterlassenschaften der Toten zu bedienen. „ Das machte am Ende das Leben aus: ein paar Teller, ein Lieblingskamm, ein paar Pantoffeln, die Perlenkette eines Kindes.“ Mit für seinen Sohn von verstörender Brutalität reinigt Dr Choudhuri das Haus, das ihnen keine Heimat mehr werden konnte, von allen verbliebenen Spuren seiner Frau und nimmt seinem Sohn damit erneut.

An dieser Stelle wechselt die Erzählerstimme, der Collegestudent Kaushik berichtet weiter. Seine Liebesgeschichte richtet sich an eine andere Adressatin, an seine Mutter. Dieser auch für seinen Vater doppelten Entwurzelung, fern der Heimat und getrennt von seiner Frau, begegnet dieser, in dem er, während eines Indienbesuchs, eine Hochzeit mit einer traditionellen, bengalischen Witwe mit zwei kleinen Töchtern arrangieren lässt. Kaushik lernt die FrauAuge in Auge mit mit dem rotgefärbtem Scheitel und gebrochenem Englisch, die das ganze Gegenteil seiner vergötterten Mutter ist, in den Weihnachtsferien kennen. Sie an dem letzten von seiner Mutter so geliebten Ort zu erleben, geht über seine Kraft hinaus. Es kommt zum nächtlichen Eklat mit den Stiefschwestern, denen er sich kurz zuvor noch, ob des ähnlichen, beängstigenden Schicksals verbunden gefühlt hat. Die beiden fünf- und siebenjährigen Mädchen haben sich neugierig die versteckt gehaltenen Photos seiner Mutter angesehen. Kaushiks aufgestaute Wut entlädt sich fast rauschhaft. Beschämt flieht er, reist tagelang die Küste entlang, wortlos zu seinen Mitmenschen, in Gedanken mit seiner Mutter verbunden, die diese rauhe Landschaft am tosenden Ozean geliebt hätte. „ Es war als wäre ich tot, und so gab mir meine Flucht eine Kostprobe der ungeheuren Macht, die meine Mutter auf ewig besaß.“ Diese Erkenntnis sollte sein weiteres Leben bestimmen. An einer Stelle mit besonders spektakulärer Aussicht aufs Wasser, vergräbt er die letzte fassbare Erinnerung an sie, den Karton mit ihren Photos. Die Mädchen verraten ihn nicht, aber er weiß, dass er sich die letzte Möglichkeit auf eine emotionale Verbindung mit der neuen Familie genommen hat. Nach dem Collegeabschluss reist er mit seiner geliebten Kamera durch das von gewalttätigen Auseinandersetzungen geprägte Mittelamerika. Das mehr zufällig entstandene Photo eines angeschossenen, auf der Straße vor seinen Augen sterbenden Mannes ist die Initialzündung für seine Karriere als Photoreporter in Krisengebieten. In den nächsten 20 Jahren führt er das Leben eines Weltenbummlers, Auge in Auge mit dem Tod, heimatlos, bindungslos, diesmal ist es aber vermeintlich seine freie Wahl.

Eine fremde Erzählerstimme schildert nun im dritten Teil Hemas Rombesuch vier Wochen im Spätherbst ganz alleine, nur zum persönlichen Vergnügen. Sie, die beruflich eine amerikanische Karriere gemacht hat, Doktorin der Altphilologie mit Festanstellung und einem Gehalt für eine Immobilienfinanzierung, war die letzten zehn Jahre die Geliebte auf Abruf. Darauf wartend, dass Julian, ihrer Liebe ein Zuhause geben würde und sie sich nicht mehr mit Hotelzimmern begnügen müsste, ist ihr klar geworden, dass es irgendwann zu spät für ein anderes Leben wäre. Daraufhin stimmt sie pragmatisch einer arrangierten Ehe mit Narvin, einem Physiker indischer Herkunft aus Michigan, zu. Innerhalb der  drei Monate ihres Kennens hat er sie drei Mal besucht und sie dabei fast jungmädchenhaft umworben. Diese Beziehung baut auf ähnliche Werte, Sympathie und dem Wunsch nach Verbundenheit, vielleicht wird daraus eines Tages Liebe. In Rom trifft Hema nun fast schicksalhaft auf Kaushik, in dem sie immer noch den Jungen aus ihrer Jugend erkennt, während er sie erst jetzt als Frau wahrnimmt. Er mit fast vierzig so alt wie seine Mutter bei ihrer Krebsdiagnose, hat vor ein paar Monaten einen Fleck auf seinem Auge entdeckt und hat erschrocken erkannt, wie der ständige Fokus auf den Tod ihm jede Empathie mit dem Sterbenden genommen hat. Kaushik fühlt eine Sehnsucht nach einem anderen Leben, nach Ruhe und bereitet sich trotz innerer Zeifel auf das Sesshaft werden als Bildredakteur in Hongkong vor. Kaushik und Hema beginnen eine leidenschaftliche Liebesgeschichte, genährt von der gemeinsamen Vergangenheit und angeheizt von dem Wissen, dass sie eine getrennte Zukunft haben werden. Am letzten Tag in der Etruskerstadt Volterra schlägt er für Hema völlig unerwartet vor, sie möge mit nach Hongkong kommen und Narvin nicht heiraten. Für sie kommt dieses Angebot zu spät. Sie versucht ihm ihre Gründe darzulegen, dass sie nicht ihr Leben, ihre hart erarbeitete Eigenständigkeit aufgeben möchte. Er fühlt sich zurückgewiesen und ist verletzt, nennt sie einen Feigling und schweigt. Ein flüchtiger Kuss zum Abschied, dann reist sie nach Kalkutta beginnt mit den Vorbereitungen ihrer Hochzeit. Er macht sich auf den Weg zu seinem Weihnachtsurlaub am Strand, nach Thailand. Am Morgen fährt er auf Einladung seines Nachbarn, obwohl er selbst ungern schwimmt, in einem kleinen Boot hinaus aufs ruhige Meer. In einer kleinen Bucht klettert er zögerlich ins Wasser, will seiner Mutter zeigen, dass er keine Angst vor dem Meer hat. Erst hält er sich unsicher am Bootsrand fest und als seine Füße den Boden berühren, lässt er los. Sie erfährt aus den Nachrichten, dass an diesem Weihnachtsmorgen, das Meer zurückgewichen ist, um weniger später Hunderttausende zu verschlingen. Sie heiratet. Wieder zu Hause in den USA zieht sie sich mit ihrem Verlust und dem werdenden Leben unter ihrem Herzen in ihr Bett zurück, trauert um eine Liebe von der ihr nichts Fassbares geblieben ist. “Wir waren achtsam gewesen, und du hast nichts zurückgelassen.”

Für die, die wissen, dass Liebe einem Menschen Heimat, Abschied und Schmerz sein kann, unbedingt lesenswert. Ein kleiner, glitzerner Diamant, so facettenreich und damit wertvoll

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