Der zarte Flügelschlag einer hölzernen Puppe

 

Rezension zu Sungs Laden von Karin Kalisa

Es war einmal ein großes Dorf in einer noch größeren Stadt, in der lebte eine Großmutter aus einem fremden, weit entfernten Land. Sie hatte nachtschwarzes, seidiges Haar, pechschwarze Augen wie Mondsicheln und eine Haut so golden wie der Sand bei Trockenheit. Dieses Land war arm, bitterarm, es herrschten Hunger und Not. So kam sie eines Tages in diese Stadt ihres Bruderlandes, in dieses Dorf, mit nichts als dem Wenigen, das sie besaß und einer Puppe aus Holz, bemalt mit den schönsten Farben, die man sie sich nur denken kann. Doch es kam der Tag, an dem diese Puppe, lange Zeiten verwahrt in einem Tuch, versteckt hinter einem Vorhang vor den Augen der Stadt, ihren Weg fand auf die große, kleine Bühne einer Schule. Ihre Besucher, Menschen aus vielen Ländern vor und hinter den Meeren, kannten vieles, nicht aber das. Eine Großmutter in einem langen, seidigen Kleid mit ihrer hölzernen Puppe, die wundersame Geschichten erzählte, von Brüdern und Schwestern, die sich doch lieben und gemeinsam für das Gute aller arbeiten sollten, statt zu kämpfen und allen gar schreckliches Leid zu bringen. Leid, das viele zwang ihr altes Leben für immer zu verlassen. In dieser fremden Stadt fühlten sie sich oft sehr allein und es war ihnen unter Strafe verboten eine eigene Familie zu haben. Mit großen Augen und offenen Ohren schauten und lauschten die Menschen, die kleinen und großen. Am nächsten Tag, als die Puppe schon lange wieder in ihre Decke gehüllt, hinter dem Vorhang lag, hatten die Worte hinter den Worten der Großmutter ein erstes, offenes Herz erreicht und die  Idee von den Brüdern und Schwestern nahm so doch noch ihren Lauf…

So oder so ähnlich könnten man den Beginn dieses märchenhaften Romans “Sungs Laden” von Karin Kalisa zusammenfassen. Ein Roman, in dem alles möglich ist, weil eben alles möglich ist. Ein Roman, der die Herzen anspricht und doch auch den Kopf füttert.

Ein Märchen, jenseits der Gebr. Grimm, eine Erzählung, die wundersame Begebenheiten zum Inhalt hat, die Wunder geschehen lässt, ganz ohne Zauberring, die keine Naturgesetze außer Kraft setzt, dafür aber vielleicht ein paar psychologische und soziologische Thesen ad absurdum führt, die wir für Regeln halten. Selbst die Kausalität bleibt hier gewahrt: Gutes führt letztendlich zu Gutem, das sagen alle großen und kleinen Religionen. Ich bin mir sicher selbst Nietzsche könnte sich dem hier umgehenden Geist nicht entziehen.

Mit sehr viel Liebe zu ihren Figuren, erzählt Kalisa in ihrem Erstling von dem studierten Archäologen Sung, der mit seiner Familie, ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeiter der DDR, auf dem multi-kulti Kiez Prenzlauerberg einen Gemischtwarenladen betreibt. Von hier aus nimmt das Gute seinen Anfang mit einer Wasserpuppe, die zu lange auf dem Trockenen verharrt hat, zu vietnamesischen Kegelhüten als Trend auf Berliner Großstadtköpfen, zu Urban Gardening von Ost- und Westgärtnern, die Polygonum und Pomelo auf urbane Brachen bringen, zu mobile Brücken in luftiger Höhe aus zartbesaiteten Bambusstangen von harten Kerlen gebaut, zu jenem poetischen Theater bei dem hölzerne Puppen, das Epos eines einst fremden Volkes erzählen.

Der auf rationale Erklärung pochende Leser fragt sich: “Wie kann das sein?” Die Zweifler am Menschen insistieren: “Das gibt doch nicht. Der Mensch ist ein Wolf!”

Für die, die so viel Gutem nicht trauen wollen, selbst, wenn es ein Märchen ist, für die gibts harte Fakten, das wissenschaftliche Erklärungsmodel für das Wunder vom Prenlauerberg:  Der butterfly effect als Teil der Chaostheorie, er besagt, “…dass in in komplexen, nichtlinearen dynamischen, deterministischen Systemen eine große Empfindlichkeit auf kleine Abweichungen in den Anfangsbedingungen besteht. Geringfügig veränderte Anfangsbedingungen können im langfristigen Verlauf zu einer völlig anderen Entwicklung führen. Es gibt hierzu eine bildhafte Veranschaulichung dieses Effekts am Beispiel des Wetters, welche namensgebend für den Schmetterlingseffekt ist: ‘Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?…’”(1)

Ein Flügelschlag, wie eine hölzerne, lackierte Wasserpuppe auf einer Schulbühne, die von dem hier ungehörtem Leid der Menschen erzählt, und die wundersamsten und wunderbarsten Dinge können passieren immer wieder. Ich für meinen Teil habe es geliebt.

 

 

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Schmetterlingseffekt

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