Künstlerin, nicht Opfer und Obsession

In “Charlotte” erzählt Foenkinos das Leben von Charlotte Salomon.

Sie war eine deutsch-jüdische Malerin, getötet 1943 in Auschwitz.

Um ihre Geschichte zu erzählen, hat Foenkinos am Zeilenende verharrt.

Er hat eine Pause gemacht und in der nächsten Zeile neu begonnen.

So wie ich jetzt.

Zeile um Zeile.

Warum hat er das gemacht?

Prosatexte in Versform, die gab es schon vorher.

Einzigartige Sätze nach denen man atmen muss.

Aber sind seine Sätze so?

Sind seine Sätze einzigartig?

Paula macht sich Sorgen.

Das Glück lässt sie alles vergessen.

Der junge Mann hat einen Knüppel in der Hand und einen Hund an seiner Seite.

Kritiker sagen es ist Lyrik in Prosaform.

“Die Poesie ist eine redende Malerei”, sagt Plutarch.

Foenkinos bestaunte ihr Werk “Leben? Oder Theater?” im Museum.

Malerei, Text, Musikangaben.

Ein Singspiel.

Ich konnte nicht in Worte fassen, was in mir vorging.

Er denkt über ihre Malerei:

Es stellte sich sofort so etwas wie Vertrautheit ein.

Alles war da.

 Und leuchtete in schillernden Farben.

Es ist ihr künstlerisches Vermächtnis, das er so beschreibt.

Sie hat es im Exil in Südfrankreich gemalt.

Sie übergab, das, was sie ihr Leben nannte, einem Freund, bevor es vorbei war.

Er sieht Deutschland in ihren Bildern.

All das, was mich seit Jahren beschäftigte.

Warburg und die Malerei.

Deutsche Literatur.

Musik und Wahnsinn.

Er mag Berlin, das Bauhaus, die deutsche Sprache und Musik.

Warum?

Es gibt kein weil, es gibt bloße Anziehung.

Seine Obsession mit Deutschland kulminiert in Charlotte.

Ganz Fan besucht Foenkinos alle Orte, an denen sie je war.

Ihr Geburtshaus von außen.

Die Schule von innen.

Die Villa in Villefranche von außen.

Das Apartment in Nizza von innen.

Wie ein Tourist auf den Spuren von… reist er ihr nach.

Sein Blick bleibt stets bewunderndes Erstaunen.

Er erfährt, dass sie und ihr Ehemann denunziert wurden, man weiß, von wem.

Ich bin überrascht.

Nun ja.

Weiß nicht, was ich davon halten soll.

So geht es mir mit diesem Roman.

Der für mich eine Nacherzählung ist.

Eine phantasievolle Personenbeschreibung.

Eine Hommage an Lotte ist es nicht.

Lotte war eine spannende Künstlerin und verdient Ehre für ihr Werk.

Lotte war ein Opfer dieser Unmenschen, aber das ist keine Ehre.

Ich musste oft an Frida Kahlo denken, als ich Charlotte las.

Frida war das Opfer eines Verkehrsunfalls, aber das sagt nichts über ihre Kunst.

Fridas Werk ist alle Ehren wert.

Foenkinos Bewunderung treibt ihn bis nach Auschwitz.

Sein Ehrgeiz macht vor ihrem letzten Gang nicht halt.

Reglos steht sie inmitten der anderen.

Sie scheint sich aus der Zeit zu winden.

Und ist doch immer noch da.

Lotte war auch vor Foenkinos Charlotte noch da.

Ihr Werk von knapp 1000 Seiten hat überlebt.

Sie hatte schon Ausstellungen in Europa.

Es gibt Bücher über sie.

Keine Millionen wussten von ihr, doch schon die sehr Kunstinteressierten.

Er hat ihr Leben seinem Publikum bekannt gemacht, das ist jetzt sein Verdienst.

Mir ist das nicht genug.

Lotte hätte einen literarischen Roman verdient als Künstlerin und Mensch.

Wenn das Ganze mehr als seine Teile ist, dann sollte Lotte Salomon doch mehr sein als Opfer und Obsession.

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