Sehnsucht ist meine Heimat

Rezension zu Weinhebers Koffer von Michel Bergmann

„Dir weist das Meer den Weg ins Licht, mich führt es heim.“ so lautet die letzte Zeile eines Gedichts, geschrieben von Leonard Weinheber, der, nach dem ihm in Nazi-Deutschland das Wort verboten wird, sich aufmacht übers Meer, in ein Land, dass ihm nicht Heimat, nur Fluchtpunkt ist.

Der Ich-Erzähler, Elias Ehrenwerth, ein junger Berliner Deutschjude ist auf der last-minute Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für seine Freundin Lisa Winter, dabei stolpert er in einem türkischen Kreuzberger Trödelladen über einen ledernen Reisekoffer. Dieses mit Reiseaufklebern mondäner Grandhotels gepflasterte Reiseutensil transportiert den Charme einer anderen Zeit und ist dazu mit den Initialen L.W. versehen, persönlicher kann ein Präsent kaum sein. Also wechselt es den Besitzer. Elias findet im Koffer eine Visitenkarte mit dem vollständigen Namen und der Anschrift des ehemaligen Besitzers: Dr phil. Leonard Weinheber, wohnhaft Viktoria Louise Platz 14, Berlin Wilmersdorf.

Neugierig sucht Elias die angegebenen Adresse auf, vor dem Gebäude findet er einen jener zur Erinnerung in den Boden eingelassenen „Stolpersteine“ mit Weinhebers Namen. Eine Bewohnerin des Hauses gibt ihm weitere Hinweise, spätestens in diesem Moment wird aus dem Koffer, aus dem Namen, ein Mensch und wie ein Fährtenleser folgt dessen Spuren.

Er erfährt, dass sich Weinberger 1939 mit einem italienischen Schiff von Marseille über Genua nach Jaffa aufgemacht hat. Aber wie konnte Elias den Koffer dann in Berlin kaufen? Ihm gelingt es den Vorbesitzer zu ermitteln, einen jungen arabischen Studenten, der jenen Koffer von seinem Großvater in Jaffa, Israel geschenkt bekommen hat.

Das Land seines Vaters, in dem er die Filmhochschule besucht hat und dessen Politik er in jeder Small Talk Runde verteidigen soll: “So kam, wie bei jeder kultivierten deutschen Geselligkeit, der Holocaust auf die Tagesordnung. Aber nur kurz, denn dann wurde die zweite Stufe gezündet: ISRAEL!”, ist Elias nicht unbekannt, also fliegt er nach Israel.

In Jaffa trifft er den muslimischen Großvater, der 1939 jenes Schiff entladen hat, mit dem Weinheber hätte ankommen sollen. Da der deutsche Passagier seinen Koffer aus dem Fundbüro nicht abgeholt hat, gingen er und sein Inhalt in den Besitz des Hafenarbeiters über. Die Kleidung trägt der alte Mann und die persönlichen Dinge, den er bis zu diesem Tag im Keller seines Hauses verwahrt, übergibt er Elias.

Dieser entdeckt Liebesbriefe an eine junge Frau, die schon 1938 nach Palästina gereist ist. Weinheber, der assimillierte Jude, zögert da noch sein Land, in dem er über einen deutschen Dichter promoviert hatte, dessen Sprache sein Werkzeug ist, gegen eine „unkultivierte Wüste bevölkert mit Kaftanjuden“ einzutauschen. Er will glauben, dass das alles nur ein großer Irrtum ist. Er sollte es eigentlich besser wissen, beschreibt er in einem Romanmanuskript doch den Kampf eines jungen Rechtsanwaltes, der für einen armen, rechtlosen Ostjuden und seine Familie Gerechtigkeit einfordert, nachdem dessen Geschäft beim Scheunenviertelprogrom in Berlin 1923 zerstört wird. Als der Roman abgelehnt und er mit einem Berufsverbot belegt wird, schifft der Romancier sich schweren Herzens gen Palästina ein, um seiner Liebe zu folgen.

Auf der Überfahrt lernt er ein junges fünfzehnjähriges Mädchen kennen, die voller Vorfreude auf ein freies, ungezwungenes Leben in einem aufregenden Land ist. Diese Begegnung zeigt, dass der Abschied nicht jedem gleich schwer fiel, je nachdem, was man zurückließ: „Ich bin jung genug, um dieses ekelhafte Land hinter mir zu lassen. Für mich ist es versunken, im Meer! Im Meer des Vergessens.“

In diesem berührenden Kurzroman von Michel Bergmann folgt der Ich-Erzähler, und wir mit ihm, den Spuren eines Lederkoffers und seines Besitzers vom Multikulti-Kiez Berlin Kreuzberg nach Israel, von der Jetztzeit mit seiner hitzig geführten Zweistaaten Diskussion zurück in die Vergangenheit, in der verzweifelte Menschen auf der Suche nach dem einem Staat, der sie wollte, waren. Bergmann spielt virtuos mit den verschieden Sprachstilen, zitiert die zarten Liebesbriefe aus den 30ern, lässt den Ich-Erzähler pädagogische Aufklärungsreden schwingen oder mit lakonischen Sprüchen das typische  Großstadtleben kommentieren und schreibt ein Romanmanuskript für den vermissten Schriftsteller, das man gerne veröffentlicht sähe. Wie bei einer Schnitzeljagd arbeiten wir uns von Hinweis zu Hinweis, von Begegnung zu Begegnung und erfahren dabei so viel mehr als nur die Geschichte des Gepäckstücks.

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