DER ALGERIENKRIEG VON 1954 – 1962

Hintergrundinformationen zum Algerienkrieg in „Adieu Paris“ von Daniel Anselme, Arche Verlag

Vor über 60 Jahren begann der Algerienkrieg, einer der blutigsten “Kolonialkriege” des 20. Jahrhunderts und dass, obwohl Algerien, das Land in Nordafrika zwischen dem Königreich Marokko und … im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Ländern offiziell überhaupt keine Kolonie war.

Dieser Krieg begann am frühen Morgen des 1. November 1954, Allerheiligen, und sollte erst acht Jahre später enden, nachdem er zwischen 250.000 (nach frz. Schätzung) und 1 Million (nach algerischer Schätzung) muslimische Menschenleben gekostet hatte.

Die bis dahin unbekannte algerische Befreiungsbewegung, die Front de Libération Nationale (FNL) führten in ihren Kampf gegen die französischen “Besatzer” 30 koordinierten Angriffen auf aufIndustrieanlagen, Kasernen und Polizeistationen aus. Dabei wurden sieben Menschen getötet, darunter ein französischer Lehrer und auch zwei Algerier.

Das französische Mutterland nahm die Forderung nach einer Loslösung Algeriens von Frankreich nicht sonderlich ernst. Im Elysee Palast und den Verlagshäusern in Paris glaubte man einer Bande von Outlaws gegenüber zustehen, denen man nur energisch genug entgegentreten müsste, um den Spuk schnell zu beenden. Schließlich gehörte der größte Teil Algeriens seit 1830 zu Frankreich, wurde lediglich durch das Mittelmeer zerschnitten, wie Paris von der Seine.

“Algerien ist Frankreich.” brachte es der damalige Innenminister und spätere Präsident Mitterand auf den Punkt. Dessen Ministerium war ebenso für die bretonischen als auch für die algerischen Départements zuständig und jedwedes Unabhängigkeitsbestreben hätte den Stolz der “Grande Nation” empfindlich berührt.

Es gab aber auch ein paar handfestere Argumente an einem Festhalten des Status quo:

Als da wäre die Weite der algerischen Wüste, ein ideales Atombombentestgelände, die dort im Februar 1960 in der Nähe von Reggane gezündet wurde, sowie die Entdeckung von großen Erdölvorkommen.Das wohl aber gewichtigste Argument waren etwa eine Million französischer Siedler, Algerienfranzosen europäischer Herkunft, die sogen. “Piers-noirs” ( wörtlich: schwarze Füße ). Sie lenkten als volle Französische Staatsbürger die politischen Geschicke des Landes, auch seiner neun Millionen algerischen Bewohner.

Die Franzosen waren lange Zeit militärisch erfolgreich, doch das reichte nicht, um die FNL endgültig zu schlagen. Ab 1957 übernahmen die französischen Fallschirmjäger das Kommando der zivilen Behörden und es gelang die führenden Köpfe gefangen zu nehmen oder zu töten. Im Oktober wurde ein marokkanisches Flugzeug mit der algerischen Exilführung der Unabhängigkeitsbewegung an Bord von der französischen Luftwaffe zur Landung gezwungen.

Um die algerische Hauptstadt Algier, und speziell die muslimische Altstadt, unter ihre Kontrolle zu bringen, richtete sich der Kampf immer stärker auch gegen die Zivilbevölkerung, jeder galt als verdächtig die FNL zu unterstützen. Bei der Gewinnung ihrer Informationen war die französische Armee nicht zimperlich; Folter und sogar Mord waren probate Mittel, um den Feind zu schwächen. Doch der Widerstand hielt an. An den Grenzen zu Marokko und Tunesien, beide seit 1956 unabhängig von Frankreich, stand eine algerische Armee unter dem Kommando von Oberst Houari Boumédienne.

Da die Stimme der “Pieds-noirs”, die ihre Heimat und ihre dortigen Privilegien nicht einfach aufgeben wollten, innenpolitisch gewichtig war, führte stures Beharren zu größeren Verwerfungen, sechs Ministerpräsidenten kostete die Algerienfrage den Sessel. Ein Staatsstreich von Algerienfranzosen und nationalistischen Generälen 1958 brachte den französischen Nationalhelden des 2. Weltkrieges General Charles de Gaulle an die Macht. Diese nutzte er um sich eine Verfassung nach seiner Facon schneidern zu lassen, um sich dann zum ersten Präsidenten der Fünften, und bis heute letzten, Republik wählen zu lassen.

Angesichts der Aussichtslosigkeit eines endgültigen Sieges unterzeichnete die Pariser Regierung im März 1962 in Évian mit der algerischen Nationalbewegung ein Waffenstillstandsabkommen. Am 1. Juli entschieden sich 91% der Algerier nach acht Jahren Kampf und einem hohen Blutzoll für die Unabhängigkeit.

Bis zum Schluss hatten die Algerienfranzosen versucht die Einigung mit den maghrebinischen “Outlaws” zu verhindern, sogar vor einem zweiten, erfolglosen Putschversuch 1961 gegen de Gaulle, der ganz pragmatisch vom aggressiven “Falken” zur Friedenstaube mutiert war, schreckten sie nicht zurück.

Bis zum Frühjahr 1962 flohen fast alle Algerienfranzosen, die sich nun ungeschützt der Rache der Muslime ausgesetzt sahen, nach Frankreich, ein Land, mit dem sie nicht mehr als die Sprache verband, das sie noch nie besucht hatten, aus dem ihre Vorfahren möglicherweise gar nicht stammten. Viele Algerienfranzosen waren ursprünglich italienischer, sephardische und spanischer Abstammung. Mit ihnen flohen die Angehörigen der muslimisch-algerischen Hilfstruppen, die sogenannten Harkis, sie wurden in Frankreich in Internierungslager “versteckt”.

Es galt, was de Gaule in Évian als Devise ausgegeben hatte:„Es ist nicht notwendig, einen Epilog zu schreiben über das, was unlängst getan oder nicht getan wurde. Was Frankreich anbelangt, so ist es notwendig, sich jetzt für andere Dinge zu interessieren.“

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