Frankreichs Schande, Frankreichs Wut…

 

ADIEU PARIS von Daniel Anselme, der gerade der Vergessenheit entrissene Roman eines gerne totgeschwiegenen Krieges, ist ein Kleinod für francophile Leser und eine psychologische Studie über das Gefühl des aus der Welt gerissen Seins, während die Welt sich einfach weiter dreht.

In diesem Anti-Kriegsroman, der ganz ohne blutige Schlachtfeldszenarien auskommt, werden die elf Fronturlaubtage über Weihnachten 1956 beschrieben, die die drei jungen Algerienkriegsteilnehmer, zwei Jahre nach dem Auftakt der Unabhängigkeitsbestrebungen des algerischen Volkes gegen ihre so-gut-wie Kolonialherren, bei ihren Familien in Paris verbringen dürfen.

Lachaume, der Mittzwanziger aus dem Bildungsbürgertum aus Arras, ob seines akademischen Abschlusses “Professor” genannt, Valette, der Handwerker aus der Vorstadt und fast unfreiwilliger Kommunist und dann ist da noch Lasteyrie, der eitle Seehundpelzschuhe tragende Teddy Boy. Sie bilden jenes ungleiche Trio, das eigentlich nichts gemein hat als ihre Liebe zum Basketball und diesen ungewollten Krieg. Algerien, die Heimat der reaktionären “Pieds-noirs”, der Algerienfranzosen, die all ihren politischen Einfluss in Paris geltend machen, auch wenn es das Mutterland ins Chaos stößt. Die drei Protagonisten des Romans gehören zu den meist jungen 300.000 Franzosen, die für dieses Ziel im Maghreb ihre Jugend opfern mussten.

Da ist der wütende Lachaume, der eben noch Shakespeare zitierend vor seiner Englischklasse stand und nun seit dreizehn Monaten als Unteroffizier seinen Militärdienst im anderen Frankreich jenseits des Mittelmeeres ableisten muss, während alte Freunde, strahlend angekommen im Leben eines jungen Erwachsenen auf dem Weg in die Zukunft, ihm diesen Verlust nur deutlicher machen. Auch seine junge, geliebte Ehefrau wie “…alles, was sich auf die Jahre vor seiner Einberufung zur Armee bezog, schien ihm für immer verloren,…”

Dann der stets freundliche und fröhliche Valette, dessen Spitzname mit “Breitmaulfrosch” als Anspielung auf seinen großen Mund in der deutschen Übersetzung im Vergleich zum Original “vache-qui-rit”, “die Kuh, die lacht”, der Markenname einer frankreichweit bekannten Käsemarke für Kinder, deren Verpackung die Zeichnung einer lachenden Kuh ziert, nur unzureichend wiedergegeben ist, der seiner Familie gegenüber zum übellaunigen jungen Mann wird. Da gibt es das goldene Kalb seines kleinbürgerlichen Umfeldes, die Kommunistische Partei, die es auf stolze 81,3 % Wählerzustimmung hier am Rande der Großstadt bringt und die sich als große Anti-Kriegspartei stilisiert, aber außer Flugblättern im Duotondruck auch keine Antworten findet.

Zur Komplettierung der frisch zum einfachen Soldaten degradierte, Menjoubärtchen tragende Lasteyrie, den noch die elementaren Dinge des Lebens antreiben: Weib, Pastis und derber Gesang. Die Entscheidungen, mit denen er sich schlägt, sind die zwischen den Neon getränkten Straßen von Clichy oder den Touristen überlaufenen von Montparnasse. Er ist der, der das Leben auskosten will, die Minuten, in denen es gerade nicht bitter schmeckt. Er ist derjenige, der mit seiner nicht versiegenden Lebenslust den Krieg verspottet. Und er ist es, der ihnen am Ende des Buches, in ihren verzweifelten, letzten Stunden als Zivilisten, kurz bevor der Zug sie unbemerkt von der Stadt und ihren Bewohnern wieder zurück in die Hölle bringt, ihnen, die keine Krieger sein wollen, ein Kriegerdenkmal setzt. Eines von denen, der den Krieg zeigt, wie er ist und das er ist, auch wenn die meisten Franzosen ihn lieber ignorieren wollen.

Die drei, ziehen durch die Straßen von Paris, beschwören den Zauber dieser wunderbaren Stadt, zu der sie das Gefühl haben nicht mehr dazuzugehören, und dieser besonderen Zeit, in der das Leben einfach weitergeht, obwohl einige ihm dabei nur neidisch zuschauen dürfen.

Begleitet von wummernder Jazzmusik aus den Kellerbars in den Ohren, dem Zigarettennebel, der alles umschließt, vor Augen und der Geschmack des grünlich schimmernden Pastis auf den Lippen folgt der Leser ihnen durch die Nacht.

Wie Touristen führt sie ihr letzter Spaziergang über die Pont Neuf, am Arc de Triomph vorbei, die Seine entlang, durch Clichy bis zur Ile Saint Louis, als seien sie nur noch Besucher an diesem Ort, in dem, was mal ihr Leben war und gehörten jetzt woanders hin.

Immer verzweifelter, hoffnungsloser wie gehetzte Tiere bewegen sie sich durch die Nacht, die innere Verzweiflung für uns in jedem Satz spürbar.

Es ist Daniel Rabinowitsch alias Daniel Anselme, der den vielen jungen Soldaten eine Stimme gegeben hat, denen 1962 in Évian mit dem Ratschluss des Falken de Gaule: „Es ist nicht notwendig, einen Epilog zu schreiben über das, was unlängst getan oder nicht getan wurde. Was Frankreich anbelangt, so ist es notwendig, sich jetzt für andere Dinge zu interessieren.” das Recht auf ein eigenes Erinnern genommen wurde.

ADIEU PARIS von Daniel Anselme, mit einem Nachwort über die politischen Hintergründe des Krieges, erschienen im Arche Literaturverlag, 18,00 EUR

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