Rezension zu „Worte in meiner Hand“ von Guinevere Glasfurd

Titel: Worten ihre Stimme geben

Rezension vom 22.07.2015
Der Bildungsroman “Worte in meiner Hand” von Guinevere Glasford schildert die persönliche Entwicklung der Helena Hals van der Strom von einem jungen, wissbegierigen Mädchen aus Leiden zu einer selbstbewussten Frau, die gelernt hat, diesen Worten auch ihre Stimme zu geben.

Nachdem Helenas Vater, ein Seemann, als verschollen gilt und die Abenteuerlust ihren älteren Bruder Thomas bei der Ost-Indien Company anheuern lässt, sind sie und ihre Mutter auf sich gestellt. Zuerst wird Helenas Aussteuer, und damit auch die Aussicht auf einen Ehemann, zu Geld gemacht, dann unternehmen die beiden Frauen den Versuch sich durch ihrer vier Hände Arbeit, durch Spinnen und Nähen, zu ernähren, doch „ Zusammen verdienten wir beide weniger als ein halber Mann, weniger als einer mit einer Hand. Mit Leinen und Wolle wurden wir nicht satt.“.
Daraufhin fügt sich Helena der Anweisung ihrer Mutter und geht nach einem wenig herzlichen Abschied im Frühjahr 1632 als Magd nach Amsterdam.

Dort stellt sie fest, dass ihre Lese- und Schreibkenntnisse, die sie als kleines Mädchen ihrem Bruder hartnäckig abgetrotzt hat, hier für eine Magd keinen Mehrwert darstellen. Auch für ihren zukünftigen Arbeitgeber, den alleinstehenden, englischen Buchhändler Mr Sergeant ist das entscheidende Einstellungskriterium, die Qualität ihrer Pfannkuchen.
Dieser stets hungrige Mann handelt mit schöner Literatur und hat als Zubrot von Zeit zu Zeit Logiergäste im Haus. Helena ist in der Organisation ihres Arbeitstages im Gegensatz zu anderen Dienstmädchen recht frei. Ihre Freundin Betje, eine der beiden Dienstmägde des Nachbarhauses, einer Reederfamilie, wird streng kontrolliert, beschimpft und gezüchtigt. Nachdem Helenas Schreibversuche, zu denen Mr Sergeant sie aufgefordert hatte, an der für sie ungeübten Benutzung des Schreibgeräts, gescheitert sind, wird sie zum Federn Schnitzen degradiert und bekommt zu ihrem ersten Lohn eine Tafel und Kreide geschenkt. Beides setzt sie ein, um ihrer Freundin Lesen und Schreiben beizubringen. Betje hatte ihre heimlichen Schreibversuche mit alten Federn und selbst zubereiteter Tinte aus Roter Beete mangels Papier auf ihrer Haut entdeckt und neidet ihr diese Kenntnisse. Die beiden diskutieren hitzig, welchen Gewinn Bildung auch für Mädchen hätte. Wäre Betjes Arbeitgeberin, eine Reedersgattin, vielleicht weniger gelangweilt von ihrem Leben und nicht mehr so übellaunig und ungerecht, wenn sie eigene Schiffe hätte? Ist Gott damit einverstanden, dass Mädchen schreiben lernen? Und, was wenn nicht? „Vielleicht sind wir die Ersten? Vielleicht könnte er seine Meinung ändern?“ Ihre Lesekenntnisse bringen Bethje, die geglaubt hatte Waise zu sein, dazu Amsterdam zu verlassen, nachdem sie ihre Geburtsurkunde entdeckt hat, um ihre Mutter zu suchen.

1634 kündigt Mr Sergeant einen neuen Logiergast und seinen treuer Diener, Limousin, der ihn auf allen Reisen begleitet, für ihn allerlei Botengänge erledigt, und ihn eifersüchtig bewacht, an. Einen berühmt berüchtigten Franzosen, Katholik dazu, dessen Arbeit das Denken ist, wobei seine Gedanken nicht unumstritten sind und ihn dazu zwingen nie lange an einem Ort zu verweilen: Monsieur René Descartes. Obwohl Helenas Informationen über Katholiken aus dem calvinistischen Gottesdienst und die Informationen über die Methoden zum Erkenntnisgewinn des Gastes eher befremdlich auf sie wirken, begegnet sie ihm und seinen Forschungen mit großer Neugierde, was auch dem Monsieur nicht lange verborgen bleibt. Trotz der offensichtlichen Ungleichheit freunden sie sich an, die Magd und der Philosoph, die gläubige Calvinistin und der adlige Zweifler, das „du“ und das „Sie“ werden ein Liebespaar. Sie teilen ein Bett und ihre Gedanken. Als Helena schwanger wird, organisiert Descartes ihre Abreise und die Unterkunft und Ausstattung im Haus einer Witwe in Deventer. Keiner soll von dieser Beziehung und seiner Vaterschaft erfahren. Helena wartet auf ein Zeichen von ihm, einen Brief, einen Besuch.

Im Sommer 1635 wird sie Mutter eine wunderschönen Tochter Francine. Sie setzt beim Pfarrer durch, dass das Mädchen getauft wird. Für die Geburtsurkunde gibt sie Descartes Name in der holländische Version als Name des Vaters an. Beim Besuch einer Buchhandlung kommt ihr der Gedanke ein ABC für Kinder als Lesehilfe zu schreiben und zu illustrieren. Beim Verkauf ihres Werkes erklärt ihr der Buchhändler, dass ein weiblicher Autorenname das Buch unverkäuflich macht, daraufhin ändert sie ihn und verdient ihre ersten 2 Gulden mit Worten.

Mit erstarktem Selbstbewusstsein hinterlässt sie Descartes einen Brief und kehrt mit ihrer Tochter nach Leiden ins Haus ihrer Mutter zurück. Diese wartet immer noch auf die Rückkehr ihres geliebten Sohnes, von dem sie nicht weiß, dass er seit zwei Jahren als flüchtig gilt. Die Freude ihrer Mutter über das Wiedersehen mit ihrer gefallenen Tochter und unehelichen Enkeltochter ist eher verhalten, und sie macht ihr deutlich, dass sie nicht bleiben können. Helenas Versuch als Illustratorin zu arbeiten scheitert an ihrem Geschlecht. Eines Tages begenet Helena Descartes wieder, er überredet sie mit Limousin und ihm als seine Freundin, nicht seiner Magd, in ein Haus ans Meer zu ziehen. Die Publikation seines ersten Buches hat ihm die Mittel verschafft seßhaft zu werden, aber das Interesse seiner Kritiker an seiner Person noch verstärkt, deshalb muss ihre Beziehung auch weiterhin der Öffentlichkeit verheimlicht werden.

In Santpoort beginnt das Leben als fast normale Familie in einem kleinen Haus mit großem Garten hinter den Dünen der Nordsee. Doch für das Beisamensein mit Kind und Geliebtem zahlt Helena den Preis des unsichtbar Seins, kein Besuch des Marktes im Nachbardorf, kein Kirchbesuch. Er hat ihr ihr ein Leben mit ihm versprochen, keines als Magd, aber doch ist sie es die putzt, kocht wäscht, gärtnert, hinter ihm herräumt, sich um Francine kümmert, wenn er denkt. Er liebt Francine wie sein Kind und doch wird ihr beigebracht ihn Onkel zu nennen. Er spielt mit ihr, unterrichtet sie, lehrt sie seine Muttersprache, aber nur hier hinter den Dünen. Helena schläft mit Francine in der Küche und besucht ihn in seinem Bett, ihr Platz hat sich nicht verändert. Sie liebt ihn, aber sie ist nicht glücklich. Das führt dazu, dass sie sich auf eine heimliche Affaire mit einem tumben Bauerssohn einlässt. Dieser verliebt sich in sie und bittet Descartes, den er für einen älteren Verwandten hält, um ihre Hand, als er seinen Irrtum erkennt, zieht er sich verletzt zurück. Die erfahrene Zurückweisung steigert sich zu rasender Wut, die Helena zu spüren bekommt, als sie ihm eines Tages allein begegnet, er schlägt sie halb tot.

Wieder ist es Descartes, der entscheidet, was passiert. Er schickt sie und Francine im Frühling 1640 nach Amersfoort, wo die Witwe Anholts aus Deventer sie auf seine Anweisung pflegt, bis sie soweit genesen ist und ihrer Hilfe nicht mehr bedarf. Er wird wieder zum ersehnten, aber seltenen Besucher in ihrem Leben, der sich kümmert, Entscheidungen für sie aber nicht mit ihr fällt. „Oh, er mochte sich ja den Anschein geben zuzuhören, aber am Ende würde ich in meine Schranken verwiesen. Er hatte sich überhaupt nicht verändert.“ Helena spürt weiterhin die unsichtbare Trennlinie, die jeden von ihnen an seinem Platz hielt. Als Francine 5 Jahre alt ist beschließt er ihre Erziehung als sein Mündel in Frankreich bei seiner Familie fortsetzen zu lassen, doch wenige Monate vor der Abreise erkrankt das kleine Mädchen an Scharlach und stirbt innerhalb weniger Tage im Beisein von Vater und Mutter. Helena und Descartes sind untröstlich über ihren Verlust und doch muss er nach Leiden, arbeiten. „ Die Welt wartet nicht… Nicht auf mich. Nicht auf ihn.“. Bevor er geht sprechen sie über ihre Beziehung, über sich, die nicht mehr verbunden sind durch das Kind. „Was ist geblieben? Wer sind wir jetzt, da sie nicht mehr da ist? Hat sie mehr aus uns gemacht, als wir waren, mehr, als wir sein konnten?“
Helena emanzipiert sich, heiratet einen Witwer, durch eine großzügige Mitgift gezahlt von Descartes. Sie hat jetzt ein eigenes Zimmer, ihre Freiheit, ein Arrangement zur gegenseitigen Zufriedenheit. „Es gibt Momente, in denen alles klar wird. Wenn man in eine Kerzenflamme starrt und erkennt, dass die Farben immer dort waren, nur darauf gewartet haben, gesehen zu werden,..“ Dieser Moment ist für sie in ihrem Leben gekommen jetzt gekommen.
Sie sind weiterhin ein heimliches Liebespaar, werden Eltern eines Sohnes Justinus, Descartes bleibt in der Nähe wohnen, bis er nach Schweden geht.

Ein fesselnder Roman, der einer historischen Frauengestalt, Helena Hals van Storm, die es aus den wenigen vorliegenden Quellen nur an die Oberfläche geschafft hat, weil sie eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Verbindung zu einem der größten Denker des 17. Jahrhunderts unterhielt, eine fiktionale Stimme gibt. Die Autorin Guinevere Glasfurd hat aus den spärlichen Fakten ein „Wie hätte es sein können?“, dass eine Magd und René Descartes über Jahre miteinander verbunden waren, erdacht, obwohl zu dieser Zeit doch die gesellschaftlichen Schranken in Europa weniger porös waren als heute.
Auf einem Textkorpus von über 400 Seiten entwickelt Glasfurd ein spannendes Portrait dieser jungen Frau und ihres fast doppelt so alten Gegenfigur, verwendet Mühe auch auf die Gestaltung der Nebenfiguren, Mr Sergeant, Limousin und Betje, zeichnet die verschiedenen Schauplätze so detailreich, dass das Goldene Zeitalter, eine wirtschaftliche und politische Blütezeit der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande, vor unseren Augen aufersteht. Wobei gerade die Darstellung der philosophischen und religiösen Ideen und Denkweisen der Zeit, die ja die Grundlage für die „unsichtbare Trennlinien” und Descartes Diskurs mit seinen Kritikern liefern, hätten etwas mehr Tiefe verdient. Letztendlich ein wenig mehr Fabulierlust für die letzten etwa vierzig Seiten hätte ich mir gewünscht. Dort fühlt sich der Leser durch einen etwas abrupten, fast lieblosen Cut des Erzählstranges, ohne weitere Erklärung, regelrecht aus der Geschichte gedrängt.

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