Rezension: Eine Handvoll Rosinen von Daniel Zipfel

Sie sind klein und braun und zuckersüß. Sie enthalten Eisen und Kalium und Phosphor. Sind Nervennahrung für die, die starke Nerven brauchen. Rosinen sind der Aval der Nepper, Schlepper, Menschenfänger, der in  schummrigen Bars über den Tisch geschoben wird, “Gib Du mir 6 Isomatten in einer Absteige in Ungarn, gibt er Dir 3 Stehplätze im Gummiboot übers Mittelmeer, bekomme ich den Kontakt zur Polizei in Istanbul.” Nur ein Geschäft, doch der Handschlag bleibt aus, denn keiner der ehrenwerten Kaufleute will sich die Hände noch klebriger machen.

In dem Roman “Eine Handvoll Rosinen” von Daniel Zipfel, der schon mehrere Auszeichnungen für seine Erzählungen erhalten hat, steht die getrocknete Traube für die Schicksale der unzähligen Migranten in Österreich in jenem Winter 2003, in dem mit dem Leben der Flüchtlinge eine Art Menschen-Monopoly gespielt wurde.

In seinem Erstling verarbeitet der 1983 im Breisgau geborene Jurist seine achtjährige Erfahrungen in der Asylberatung der Caritas in Wien. Um seine Erlebnisse literarisch zu verarbeiten, hat er für seine Geschichte nicht die Jetztzeit, sondern die über 10 Jahre zurückliegenden Zustände im größten Flüchtlingslager Österreichs, in Traiskirchen, gewählt. Katastrophal damals wie heute, nur mit unterschiedlichen Details, eine Grundversorgung für die Asylsuchenden gab es damals noch nicht.

Die Romanhandlung beginnt damit, dass Ludwig Blum, Beamter bei der Fremdenpolizei, zur Herstellung der staatlichen Ordnung, penibel protokollierend, eine afghanische Familie aus Traiskirchen zurück nach Ungarn abschiebt. Dort nimmt ihr Schlepper, der Afghane Nejat Salarzai, die verzweifelte mutlose Familie wieder in Empfang, die er kurz zuvor nach Österreich transferiert hatte. Er versichert ihnen sich all ihrer Probleme anzunehmen und verspricht, dass für sie alles in Ordnung käme. Blum, der gestrenge Ordnungshüter und geschiedene Amtsdirektor, einsam im  unfreundlichen, mitteleuropäischen Wintergrau, klammert sich an seine Paragraphen wie ein unter haushohen Wellen die Orientierung Verlierender an seinen Rettungsring. Das Gerüst der Vorschriften in schönstem Juristendeutsch von ihm deklariert, gibt ihm den Halt zum Agieren in einer menschlich immer haltloseren Situation. Demgegenüber steht Salarzai, der stolze Paschtune, der einst den letzten afghanischen Schah im familieneigenen Garten mit einem Rimbaud Gedicht erfreuen durfte, bis die neue, wilde Ordnung im Land der hohen Berge eine Bombe platzen ließ. Heute ist der Heimatlose ohne Familie ein internationaler Geschäftsmann im Bereich Import-Export von Lebendgütern, der seine zahlreichen Kunden als Übersetzer auf den Fluren der Fremdenpolizei generiert. Zwei wunderbare Figuren, die Zipfel da, im lakonischen Erzählerton kommentiert, aufeinander loslässt, Hund und Katze, zwei gegensätzliche Ordnungssysteme, die aufeinanderprallen, der Flatrate-Schlepper mit Allure und der biedere Staatsdiener mit Hang zur Pedanterie.

Doch selbst die unbegabtesten Physikschüler unter uns wissen: Reibung erzeugt Wärme. Das ist gut für den Spannungsbogen der Geschichte, denn die Wärme führt zum Schmelzen der Oberflächen mit denen auch Schlepper und Beamte durchs Leben ziehen; es gibt hier kein Weiß und kein Schwarz. Sie sind Menschen wie wir und deshalb sind da auch ganz viele Abstufungen von Grau. Eine neue Ordnung entsteht.

Und dieser Blum führt Verhöre, prüft Anträge, verhängt Abschiebehaft, alles weil er glaubt, dass das genau so richtig ist. Und doch war da einmal ein Moment in seinem Leben, indem er die Grenzen überwunden hatte, aus sich heraustrat, die helfende Hand ausstreckte und ein staatlich anerkannter Held war.

Und Salarzai betört ohne zu erröten, mahnt mit einem Lächeln, droht aus Klugheit, alles damit aus den Rosinen in seiner Hand das dickste Stück Kuchen für ihn wird. Und doch war da diese Nacht, in der er über die Alpen bis an die Adria fuhr, nur um sicher zu sein, dass das kleine Boot mit den Fremden auch kein Loch hatte.

Dieser Roman zieht uns hinein in den Kosmos der Flüchtigen und ihrer Verwalter, erzählt uns Geschichten von frisierter Wahrheit und befleckten Träumen, von so viel Hoffnung und bitterster Enttäuschung, von Stolz und Todesmut, vor allem aber zeigt es uns, wie menschlich wir Menschen sind.

Marie von Ebner-Eschenbach sagte einst “Der wahre Zweck eines Buches ist, den Geist hinterrücks zum eigenen Denken zu verleiten.”, genau das tut dieses Buch, mit Bravour zum eigenen Denken verleiten.

Daniel Zipfel: “Eine Handvoll Rosinen”, Kremayr und Scheriau, 234 Seiten, 19,90 Euro

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