Rezension zu: ROTER NEBEL – Der zweite Fall des Lars Winkler von Jakob Melander

 

Metamorphose eines Engels…

Inhalt laut Verlagsbeschreibung:

Mitten in der heißen Wahlkampfphase wird Kopenhagens Oberbürgermeister Mogens Winther-Sørensen tot in seiner Wohnung aufgefunden. Einzige Zeugin ist die junge Prostituierte Serafine. Sie leugnet, etwas mit dem Mord zu tun zu haben, und streitet zudem jeden sexuellen Kontakt mit dem Opfer ab. Und auch bei den Ermittlungen im Umfeld des Politikers stößt Kommissar Lars Winkler auf eine Mauer des Schweigens. Insbesondere die Mutter des Toten versucht, jegliche Nachforschungen in der Vergangenheit ihres Sohnes zu unterbinden. Doch nach und nach kommt Lars Winkler den schrecklichen Ereignissen von damals auf die Spur …

Trotz dieses doch vielversprechenden Plots bleiben die Figuren blass. Über den Helden, den ermittelnden Kommissar Winkler lässt sich nur sagen, dass er ständig, aber wirklich ständig, eine Bla Kings zwischen den Lippen hat und auch vor dem geschmacklosesten Kaffee keinen Abscheu entwickelt. Er wohnt neben einer Baustelle, seine Wohnung ist abgewarzt, wie es in Romanen für heterosexuelle, Mittelschichts-Neu-Single-Männer in den mittleren Jahren anscheinend obsolet ist. Er ernährt sich von Fertiggerichten, zu denen er die Musik seiner Jugend hört. Er hatte eine nicht auskommunizierte Affaire mit seiner Kollegin Sanne und eine Sexgeschichte mit einer Ärztin, Christine. Seine  Ex-Frau ist mit seinem Vorgesetzten und ehemals besten Freund zusammen und drängt ihn das gemeinsame Haus zu verkaufen.

Dann Serafin, der sechsflügelige Engel, noch ohne Flügel, der als Asyl suchendes Kind 1999 aus Albanien nach Ilmenau in Ostdeutschland, von dort weiter nach Kopenhagen gekommen ist. Sie ist die Zeugin des Mordes an dem Oberbürgermeister, die nicht aussagen will. Sie flieht ängstlich vor der Polizei, dem Mörder, ihrer Abschiebung zurück nach Hamburg, vor allem vor der Aufgabe ihres Traumes. Ihr Antrieb ist ihr Wunsch nach Transformation, ihre Motive, Ziele und Wünsche sind noch am deutlichsten von allen Figuren ausgearbeitet.

Die Gegenspielerin, Merethe, die Mutter des Mordopfers, Politikerin in der 3. Generation, mit dem absoluten Willen zur Macht. Kontrollwütig bis ins Schlafzimmer ihres Sohnes, vereinnahmend, ihrem großen Ziel hat sich alles und jeder unterzuordnen. Verheiratet mit Arne, einem verschrobenen Akademiker, fast schon pathologischen Soziopathen, der sich in Sprachlosigkeit als Mittel des passiven Widerstandes geflüchtet hat.

Dann sind da noch als diverse Neben- und Randfiguren weitere Kollegen bei der Polizei: Kim, Allan, Lisa,Toke und ein Zwillingsbruderpaar am Kiosk, der Winkler Tag und Nacht mit Nikotinnachschub versorgt. Dann Kirsten, Mogens Frau, emotional schon lange verwitwet, und Sarah, die Teenagertochter des Opfers, sowie Serafins rohe Restfamilie. Mir sind da einfach zu viele angefangene Geschichten, die nicht weiter erzählt, einfach nach der Einleitung abgebrochen werden und ich frage mich wozu.

Die Handlung spielt an zwei Orten in Kopenhagen und in Hamburg, das Tor zur Welt und für das Halbseidene. Letztere als schlecht recherchiertes Touristenklischee dargestellt. Jeder Reiseführer erklärt, dass die Reeperbahn kein Straßenstrich ist und die Große Freiheit keine Bordellstraße. Das Sextheater “Safari” wird hier mit dem “Pulverfass” verwechselt, beides Institutionen in Hamburg, die Situation der Darsteller und das Umfeld literarisch sehr frei, ärgerlich fern der Realität, dargestellt.

Zur äußeren Struktur des Romans: Eingeteilt ist der Thriller gemäß den Stadien im Leben eines holometabolen Insektes, wie zum Beispiel der Schmetterling einer ist, von der Larve ab Seite 11, über das Entwicklungsstadium der Puppe ab Seite 211 bis zum Imago, dem geschlechtsreifen Vollinsekt, in diesem Stadium unterbleibt jede Nahrungsaufnahme, ab Seite 235 bis zum Ende des Romans auf Seite 409. Vorangestellt ist dem ein zweiseitiger Prolog, der dem Leser gleich zu Beginn eine grausam getötete Leiche aus dem Herbst 1999 vor Augen führt. Innerhalb der einzelnen Stadien wechseln sich zwei Zeitebenen ab, die vollendete Gegenwart ohne genaue Jahresangabe, deren Zeitraum jeweils mit einem bestimmten Wochentag und Datum genannt und den folgenden Kapiteln vorangestellt wird. Die Ereignisse der Vergangenheit hingegen werden nur mit Monats- und Jahresangabe versehen und unverhältnismäßig viel kürzer ohne Kapitelangabe erzählt. Für die Handlungen im Jahr 1999 verwendet der Allwissende-Erzähler die Zeitform des Präsens, für die zeitlich jüngeren Handlungen die Zeitform des Präteritum. Eigentlich müsste der Autor für die älteren Ereignisse die den Lesefluss hemmende Vorvergangenheit verwenden, entscheidet sich aber für das dramatische Präsens.

Eigentlich eine wunderbar, anrührende Geschichte, die viel mehr als eine bloße “Fang den Mörder”-Story ist, nur irgendwie ging es ihr wie ihrer Protagonistin Serafin, es war ihr nicht möglich ihr wahres Ich, ihre volle Pracht und Schönheit zu entfalten.

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