Rezension zu: Billy von Einzlkind im Insel Verlag erschienen

Billy oder wie er die Welt sah…

»NUN, WENN SIE MEINE BESCHEIDENE MEINUNG HÖREN MÖCHTEN, DANN IST DERJENIGE VERLOREN, DER NIE AUS SEINEM VORGESCHRIEBENEN LEBEN AUSGEBROCHEN IST, NIEMALS EINE VERRÜCKTE ZEIT HATTE, SICH NIE GEPRÜGELT, NIE AUF DIE STRASSE GEGANGEN IST, NIE DAS KORRUPTE SYSTEM BEKÄMPFT HAT, NICHT IM DROGENRAUSCH DIE ORIENTIERUNG VERLOREN HAT, JEMAND, DER KEINE TIERE ISST, NIE AUTO FÄHRT, KEIN FLUGZEUG BENUTZT, NICHT BESSER SEIN MÖCHTE ALS ANDERE, NIE UND UNTER KEINEN UMSTÄNDEN DIE GEFÜHLE ANDERER VERLETZT, INSBESONDERE KEINE RELIGIÖSEN, KURZUM, WER IMMER NUR MIT DIESER LEEREN FREUNDLICHKEIT MAMA-PAPA- KIND SPIELT, DER WIRD IMMER NUR DER BEAMTE SEINES LEBENS SEIN, DER DIE STATIONEN SAUBER ABHEFTET, EIN SMALLTALKENDER, ALLES ANGENEHM FINDENDER, VERSTÄNDNISVOLLER, LIEBENSWERTER VOLLTROTTEL, VON DEM EINZIG UND ALLEIN BIOKOMPOST ÜBRIG BLEIBT.“

…lässt der geheimnisvolle, unter dem, die Autokorrektur zur Verzweiflung bringenden Pseudonym „Einzlkind“ schreibende Autor, Onkel Seamus in seinem Roman „Billy“ sagen. Jener eingewanderte Ire ist das weise Haupt einer etwas anderen Familie und der pädagogische Nachlassverwalter seiner kleinen Schwestern Rachel, die jetzt mit Diamanten und ihrem Ehemann im Himmel ist, und ihm den damals einjährigen Neffen Billy vererbt hat.

Nach dem unfreiwilligen Drogentod seiner Eltern wächst Billy geliebt und behütet bei seinem Onkel und seiner Tante Livi, Seamus großer Liebe und eine begnadete Köchin, mit Cousin und Cousine in der schottischen Festival Kleinstadt Duffmore auf.

Seine Hippie-Mutter hinterlässt ihm eine exzellente Vinylsammlung, die Grundlage seiner Musikbessenheit, und von Onkel Seamus, dem ehemaligen Arbeiterkind, der mit 14 in die Welt hinaus gezogen ist, um sein Glück zu machen, erbt er seine Vorliebe für die antiken Denker und die deutschen Philosophen.

Mit 19 Jahren eröffnet ihm sein moralisches Vorbild, dass das Gewerbe, dass ihnen allen das Dach über dem Kopf finanziert, ein gemeinhin als unmoralisch angesehenes ist: Mord auf Bestellung. Onkel Seamus, Cousin Franky und Cousine Polly betreiben still und leise, von Fremden fast unbemerkt, ein Familienunternehmen der besonderen Art, in das nach reiflicher Überlegung „WIR NEHMEN NUR VORSÄTZLICHE MÖRDER, IN DER REGEL MEHRFACHE. DAS HAT NICHTS MIT EHRE ODER MORAL ZU TUN. WIR SIND NICHT DIE GUTEN. … ES IST EINFACH NUR LOGISCH. ES GEHT UM VERDIENST. UND UM KONSEQUENZ.“ auch Billy eintritt.

Gerade hat Billy den 12. Menschen getötet, nach positiver Prüfung des Auftrags durch die Firma und ohne moralischen Impetus, gegen Geld,  für 150.000 Euro pro Mensch, nicht aber ohne sich ihre Geschichte anzuhören und ihnen vor dem  Erklingen des leisen Knalles, der schallgedämpften Walter, noch ihren Lieblingssong vorzuspielen.

Billy ist nun auf dem Weg nach Las Vegas, um sich dort mit dem familienfremden Mitarbeiter Whip, einem jungen Hacker, dessen Aufgabe die Spurensuche der Unauffindbaren ist, zur jährlichen Geschäftsbesprechung „ANGESAGTE LOCATION KANN JEDER, NIEMAND, DER ETWAS AUF SICH HÄLT, GEHT HEUTZUTAGE NACH SOHO, INS BERGHAIN ODER NACH WILLIAMSBURG. PIONIERE GEHEN DORTHIN, WO KEINE PUDELMÜTZEN SIND. SIE SIND IMMER DIE ERSTEN, NICHT DIE FOLGENDEN.‪“ der jungen Wilden zu treffen. Doch Las Vegas hat seine eigenen Gesetze und so sitzt bald Billy, Scheherazade gleich, dort und erzählt um sein Leben.

Dieser Roman ist Popliteratur „at ist best“. Ein Roadmovie, in der Tradition von Jack Kerouacs „On the Road“, aber auch Wim Wenders aber mit Anleihen bei den Figuren von Quentin Tarantinos und den Coen Brüder.  Der Konflikt von Freiheit und Moral. Das Aufeinandertreffen von Ulrich Becks Individualisierungs-These, Heiner Keupps Theorie der „Patchwork-Identität“ und Gerhard Schulzes Theorie der „Erlebnisgesellschaft“ all in one und dazu noch viel unterhaltsamer als „Faserland“ und „Paradiso“.

Die monochrome Weite Nevadas und die quietschbunte Spielerstadt schreien ja auch geradezu. Vom ambivalenten Antihelden Billy, „ICH WAR SCHON IMMER EIN NEUGIERIGER MENSCH. MEINE NEUGIERDE BEZIEHT SICH ABER DARAUF, ETWA NEUES ZU ENTDECKEN, SIE BRAUCHT EINEN GRUND, WILL ERFAHRUNG UND MEHRWERT“. ein Namensvetter des Asphaltcowboys aus „Easy Rider“, wenn auch sein Rebellentum etwas dezenter von statten gehen muss, will er nicht auf dem elektrischen Stuhl enden, bis zu den Nebenfiguren.

Die Reisestops, die freiwilligen oder auch unfreiwilligen Unterbrechungen, ermöglichen dem Protagonisten Begegnungen mit ihnen, liegen auf dem Weg und treiben gleichzeitig die narrative Entwicklung voran. Da ist der Deutsche Automobilverkäufer mit Maren Giltzer Spieltrieb, der hellsichtige Apachenkrieger mit Heilkräuterverkaufverbotsständen oder „The King“ himself mit Rechtschreibschwäche im Rollator ein wunderbar skurriles Figurenaufgebot.

Auch zeitgenössische Rock- und Popmusik ist ein typisches Merkmal von Roadmovies, ob beim Erschießen eines Killers oder beim In-die-Sonne-blinzeln, der Soundtrack zum Leben muss stimmen. In diesem Roman passt sie zu Billys Leben wie auch zu dieser Reise und spiegelt die Stimmung der einzelnen Szenen wieder.

Also ein wunderbar Plot mit exzentrischer Figuren, einem sexy-klugen Antihelden mit gutem Musikgeschmack, in lakonischem Ton erzählt…mehr davon!

Eine Leseprobe gibt es unter:

http://www.suhrkamp.de/buecher/billy_17647.html

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