Die Rahmabschöpferin…

Die Rahmabschöpferin

Lina Loos “Das Buch ohne Titel” in der Edition Atelier in Wien erschienen

“Denn nicht immer werden sie richtig verstanden, diese kindlich bleibenden Menschen mit ihrer unersättlichen Sehnsucht nach Romantik des Lebens – wer sie nicht versteht, der ist und bleibt – dies schleudere ich allen zum Abschied an den Kopf: ein hoffnunglos Erwachsener!”

Und damit uns das nicht passiert, wir dieses schreckliche Los ein hoffnungslos Erwachsen zu sein nicht tragen müssen, hat Adolf Opel dieses Buch mit den bezauberndsten Bonmots, mit den amüsanten Feuilletons und dazu eine kleine Anzahl persönlicher Briefe Linas Loos als Anleitung zum Glücklichsein herausgegeben.

Die erste Auflage 1947 wurde von der bereits sehr kranken Lina Loos gemeinsam mit dem Dramatiker und Freund F. T. Csokor und ihrer Freundin Leopoldine Rüther zusammengestellt. Sie enthielten die von ihr allwöchentlich zwischen 1927 und 43 im “Neuen Wiener Tageblatt” gegen Honorar veröffentlichten Texte. Weitere Ausgaben erschienen 50, 86 und 96.

Die hier rezensierte Ausgabe ist im Edition Atelier Verlag in Wien erschienen und wahrlich ein Augenschmaus, ganz in der Tradition des Wiener Jugendstils gestaltet und durch seinen Leinenrücken auch ein haptisches Vergnügen. Wunderschön, angemessen für eine der schönsten Frauen Wiens ihrer Zeit. Ihren Plaudereien vorangestellt, ist ein informatives Vorwort des Herausgebers, das die Einordnung der Texte in ihre Biographie erleichtert, und erweitert um einen dokumentarischen Anhang mit datierten Briefen. Hätte man die Feuilletontexte noch mit ihren Erscheinungsdatum versehen und Herr Opel etwas zur Briefauswahl angeführt, wäre ich vollends glücklich gewesen.

Obwohl Lina Loos, geborene Caroline Obertimpfler, von sich sagte: “Ich möchte lieber gar nichts arbeiten.”, war sie eine umtriebige Frau, eine ausgebildete Schauspielerin, mit Engagements in New York, Berlin und St. Petersburg, Kabarettistin und für uns Leser vor allem eine wundervolle Erzählerin. Ob sie nun in großer Runde unter ihrer illustren, bohemianhaften Freundesschar das Wort führte oder im humorvollen Plauderton für die lesende Öffentlichkeit  geschriebene Geschichten zum besten gab, sie tat es stets charmant, humorvoll und mit einem ironischen Impetus.

So erzählt sie vom Wohlstand ihrer Familie genauso wie vom Konkurs des berühmten Caféhauses ihrer Eltern, vom Schulschwänzen ihres Bruders, um Schauspieler zu werden und vom gänzlichen Verschwinden ihrer Schwester, von der Weisheit ihrer ungebildeten Mutter und dem schwierigen Charakter des Vaters. Aber auch Kurzgeschichten, Tiergeschichten, über ihr Theaterleben, ihre Freunde und über Sievering, jenen Stadtteil, der ihr Wien war, der ihr Zuflucht bot, als das alte Wien sich unter den neuen Herrschern aufgelöst hatte.

Sie schildert ausgelassen, wie sie 1903 den Wegbereiter der Moderne, den Ornamentverweigerer und revolutionären Architekten Adolf Loos kennenlernt, und noch am selben Abend einwilligt ihn zu heiraten, um dann nur ein Jahr später auf USA Tournee zu gehen, womit der emotionalen Trennung eine räumlich folgte. Warum diese Ehe mit dem viel älteren Loos scheiterte, darüber schweigt sie, ihr gemeinsamer Freund, der Lebenskünstler und Poet, Peter Altenberg schreibt in einem Brief 1906 an sie: “In diesem Blick liegt die Unabhängigkeit von der Mann-Sklaverei!…für mich sind Sie das Opfer allerschamlosen Sexualität des Mannes, dem nichts heilig und künstlerisch ist,…”

Sie hatte eine längere Affaire mit einem schriftstellerisch ambitionierten Abiturienten, der ihrem Künstlerkreis angehörte und die ihr Ehemann aufdeckte. Sie gibt keine Erklärung dazu, vielleicht trifft es dieses Zitat: “Aber so ist das Leben, eine ständig wechselnde Sehnsucht.” Als Lina sich für keinen der beiden entscheiden wollte, brachte der junge Mann sich um.

Viele wunderbare Dinge, aber auch schreckliche Dinge passieren in ihrem Leben, sie lernt interessante Menschen kennen, aber sie verliert auch viele von ihnen sehr früh. Sie liebt das Theater, aber ist keine Sarah Bernard. Sie erlebt zwei Weltkriege, erwähnt sie aber kaum. Sie erkrankt jung und stirbt qualvoll. Ihr Leben ist beeindruckend, aber noch beeindruckender ist es, wie sie es führt, mutig und immer erhobenen Hauptes.

Ihr Freund und Frauenvergötterer Peter Altenberg sagt über sie, und an diesem wunderwunderschönen Kompliment werde ich ab jetzt alle Männer messen, die da des Weges kommen: „Sie sind eine Rahmabschöpferin des Lebens.“

Ihre Entgegnung: „Und das bin ich, weil ich schon früh erkannt habe – obenauf schwimmt die Sehnsucht!”

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer: Lesen!

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