Rezension zu: Original Meisterfälschung – Ego, Geld & Grössenwahn von Noah Charney erschienen im C. Brandstädter Verlag

„Wehe Dir, Betrüger und Dieb von fremder Arbeitsleistung und Einfällen,lass es Dir nicht einfallen, deine dreisten Hände an diese Werke anzulegen! Denn lass dir sagen, dass uns das Privileg durch den ruhmreichen Kaiser des hl. Römisches Reich, Maximilian, erteilt ist, dass niemand in Nachschnitten diese Bilder drucken oder gedruckt innerhalb des Reichsgebiets verkaufen darf. Solltest du aber in Missachtung oder aus verbrecherischer Habgier zuwiderhandeln, sei versichert, dass du nach Konfiskation deines Besitzes mit der schärfsten Strafe rechnen musste.“, drohte schon 1511 der Maler und Grafiker Albrecht Dürer, dem die Ehre zu Teil wurde, dass seine Werke eine beliebte Fälschungsvorlage waren. Das er dies nicht umbedingt als Kompliment und Wertschätzung seines Könnens verstand, bezeugt dieser Ausspruch, den er dem Marienleben, einer Serie von Holzschnitten, beifügte. Das Vermarktungsgenie des 16. Jh. hatte zwar seine Drucke mit seinem stilisiertem Monogramm versehen, die sie als echt ausweisen sollten, was einen Grafiker namens Marcantonio Raimondi 1506 jedoch nicht davon abhielt dieses gleich mit zu kopieren. Ein talentiertes und zugleich schlaues Kerlchen, er hatte nämlich auch einer zu erwartenden Anklage wegen Kunstfälschung zuvorzukommen versucht, indem sein Werk bewusst in drei Punkten vom Dürer Original von 1503 abwich. Er hatte u.a. seine modifizierte Kopie mit seinem eigenem Monogram versehen, so konnte nicht zweifelsfrei bestimmt werden, ob es sich um eine böswillige Fälschung oder aber um eine sein Idol huldigende Hommage handelte. Dürer ging von ersterem aus und ließ den Mann in Venedig anklagen, das Urteil der venezianischen Autoritäten lautete: Hommage! Dürer solle sich doch geschmeichelt fühlen. Hätte er möglicherweise auch, wenn der Mann nur für die eigene Wanddekoration gefälscht hätte, aber Dürer war Geschäftsmann und die Fälschung traf weniger seine Ehre als sein Portemonnaie. Heute hätte Dürers Klage mehr Aussicht auf Erfolg nach seinem Geschmack, man würde Raimondis Variante als Rechtsverletzung betrachten, da sie im Wesentlichen das Original kopiert. Das Einfügen Dürers Monogramms würde als Irreführung interpretiert werden. Kopien als Originale auszugeben gilt als Verletzung des Markenrechts.

Dieses Beispiel zeigt, dass Kunstfälschung kein neues Phänomen ist. Von der Antike bis zur Gegenwart gab und gibt es Menschen mit einem mehr oder minder großen künstlerischen Basistalent, die im Kopieren der Großen ihre Berufung sehen.

Diesen Kunstfälschern, den bekannten Namen und den weniger bekannten, den großen Vorlagen und den manchmal täuschend echten Kopien, den Tatorten und Techniken und vor allem auch den Motiven, von denen es wie bei jedem Verbrechen verschiedenste gibt, geht einer der renommiertesten Kunstexperten, Noah Charney in seinem Buch Original Meisterfälscher Ego, Geld & Grössenwahn Verlag Christian Brandstätter erschienen, nach.

Verbrechen sind spannend, so lange man selbst nicht das Opfer ist, und da sich die Anzahl der Monet Besitzer, trotz dessen Schaffenseifer, in überschaubaren Grenzen hält, sind es doch die anderen, die durch einen Meisterfälscher zu Schaden kommen. Da der Schaden auch nur ein geldwerter ist, den eh eine Versicherung übernimmt und es ja schließlich keinen Armen trifft, hält sich das Mitleid der oft schadenfrohen Masse mit dem Opfer meist in Grenzen.

Der oft charmante Verbrecher hingegen wird oft sogar unverhohlen bewundert. So richtig kriminell ist es doch nicht ein Bild abzumalen, eine Skulptur nachzuschnitzen, wenn’s doch keiner so richtig bemerkt hat. Kunst kommt doch von Können, wenn er es denn kann. Man bewundert den Kriminellen eher für seine Chuzpe, seinen Mut und sein Vermögen. Alle ausgetrickst hat er, der gerissene Hund, die Käufer und oft auch die Experten hat er an der Nase herumgeführt, wenn das keinen Applaus wert ist.

Was treibt sie nun an, die verhinderten Picassos dieser Welt?  Charney nimmt uns Leser mit in die Köpfe der Protagonisten dieses Krimis und nicht nur in die der Fälscher.  Für ihn sind die Motive der Gejagten oft deckungsgleich mit denen der Jäger, den Kunstexperten, der Polizei und den Versicherungen. Er entwirft einem Profiler gleich Psychogramme von Menschen, deren Ego etwas Gigantomanisches hat, deren vor Stolz geschwellte Brust jeden Malerkittel sprengt und deren Wille zur Macht auch jedem despotischen Herrscher zu Ruhm und Ehre gereicht. In wunderbarem Plauderton legt der Autor dar, wie nah Genie und Wahnsinn nicht nur sprichwörtlich liegen!

Es ist das bewundernswerte Vermögen des Kunsthistorikers Charney für das Wie, was es braucht, um dem raffiniertesten Fälscher auf die Schliche zu kommen, und für die erst einmal abschreckend wirkenden Fachtermini wie Dendrochronologie und Massenspektrometrie so verständliche Worte zu finden, dass sich auch der interessierte Laie nach der Lektüre als Kunstexperte fühlt. Zum Nachschlagen gibt es ein angehängtes Glossar. Nun sollte man meinen, dass die immer ausgefuchsteren Verfahren den Fälscher zu entlarven, ihn in die Defensive rückt, doch dem ist nicht so, dass Katz und Maus Spiel geht weiter und die Maus schlägt perfide zurück, mit dem „Kunstfälschers Handbuch“.

Wer nun doch dem Fälschertum den Rücken kehren möchte, dem sei das Picasso Wort mit auf den zukünftige Berufsweg gegeben: Schlechte Künstler kopieren, gute stehlen.

Für mich ein Buch voller Wissen und spannender Geschichten. Das dieses Buch auch ein wunderschönes Buch ist, braucht man fast nicht erwähnen, dafür steht wie einst bei Dürer die Signatur, der Verlagsname Christian Brandstätter.

Vielen Dank an den Christian Brandstädter Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars.

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