Rezension zu: Dreikönigssingen – Münster kriminell von Stefan Holtkötter

Das Leben ist kein Bauernhof…

Das Verkaufsargument Regionalkrimi ist ja derzeit ein arg überstrapaziertes und bietet dem Leser oft nur ein Buchcover mit ’nem Landschaftsbild, Berge oder Meer, inklusive typischen Dekor, Kuh oder Fisch, zwei drei stereotype Bauwerke, Kirche oder Leuchtturm, und gerne ein Grußritual, das, von den Romanfiguren so verschwenderisch genutzt wird, dass auch dem letzten Leser klar ist, wo auf der Welt er sich befindet. Gruezi und Moin Moin!

Will sagen, der Regionalkrimi ist in vielen Fällen ein von den Marketingfachleuten des Verlags befeuertes, komprimiertes landschaftliches und kulturelles Klischee plus ein Verbrechen. Das ist meist so langweilig, wie sich das jetzt anhört.

Nicht so bei Stefan Holtkötter, der Autor von Dreikönigssingen – Münster kriminell erschienen im Verlag topp+möller. Sein Regionalkrimi ist der Grund warum es diese Genrebezeichnung überhaupt gibt. Bei ihm ist das Westfälisches Lokalkolorit nicht austauschbarer Hintergrund, sondern ebenbürtiger, ernst genommener Handlungsträger. Ein kleines Dorf in der Nähe von Münster ist hier Nährboden, nicht Deko, für genau diese Akteure, ihre Motive, ihr Denken und ihr Handeln. Holtkötter, der Name verrät schon einen gewissen Patriotismus, kennt und mag sein Dorf, das merkt der Leser bei jedem Satz.

Da ist der sympatische Held, Tönne Oldenkott, ein westfälischer Bauer, im Unruhestand, dessen betagte Knochen altersgerecht zwicken, was er aber partout nicht zugeben würde, Traditionalist und Lokalpatriot, im katholischen Volksglauben warm eingerichtet, mit angeborenem Sturrkopf aber auch einem großen Herz.

Sowie die toughe, couragierte Heldin, Gül Yilmaz, eine junge Dorfpolizistin, allen deutschen wie türkischen Vorurteilen zum Trotz, die Tönne seit Kindertagen kennt und dem charmantem Dickschädel, weniger abschlagen kann als ihrer gängelwütigen Mutter.

Beide zusammen ergeben das wohl ungewöhnlichste multi-kulti Ermittlerduo jenseits des Mainstreams, das je in einem Regionalkrimi zu finden war.

Als kurz vorm Dreikönigstag Tönne vom Dorffunk, in Person seiner stets beneidenswert gut unterrichteten Nachbarin Aenne, nach einer unruhigen Sturmnacht, die sein Haus nur dank des Anzündens einer geweihten Mariä Lichtmesskerze und einiger auf dem Küchenboden gebeteter Rosenkränze schadlos überstanden hat, darüber informiert, dass sein unmittelbarer Hofnachbar, Alfons Kerkering, von seiner Frau Hilde am frühen Morgen erschlagen vor seiner Haustür aufgefunden wurde, ist Tönnes detektivische Neugierde geweckt.

Nachdem sein zur persönlichen Informantin erkorener Schützling Gül, seine sie am Tatort bombardierenden Anrufe nicht sogleich annimmt, hält es ihn nicht mehr mit dem Fernglas am Küchenfenster seiner warmen Stube. Er knattert auf dem in die Jahre gekommenen Traktor zu einem, in Sicht- und Hörweite des Tatort liegendem Acker, um einen skeptischen Blick auf die Arbeit der Kripo aus der nahen Stadt Münster zu haben.

Die Polizei vermutet einen Zusammenhang mit einer in der Gegend akuten Einbruchsserie, nicht so Tönne. Er vermutet ganz andere Motive. Wortreich überzeugt er die ehrgeizige Gül, die aufgrund der phonetischen Nähe zum Begriff Gülle von ihm liebevoll Lisbeth genannt wird, die Ermittlungen selbst in ihrer beider Hände zu nehmen. Da der stets renitente Ermordete einen im Dorf geplanten Windpark verhindert hat, haben eine Menge Leute viel Geld verloren also viele potentielle Täter.

Tönne und Gül geben alles, um den wahren Mörder dingfest zu machen.

Selbst für das alljährliche Sternensinger Spektakel mit Gottesdienst, Hausbesuche und Waffelessen wird die ehrgeizige Muslima Gül eingespannt, damit Tönne die Gelegenheit hat, während die verkleideten Kinder für den guten Zweck in den Küchen der Höfe singen, selbige auszuspionieren.

Wer Regionalkrimis mit lebensnahen Akteuren, mit einen dichtem, gut erzählten Plot, in der Tradition von Agatha Christi mag, der Spannung und Humor kunstvoll zu verweben versteht, der sollte unbedingt Dreikönigssingen lesen.

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