Morgane und die Nebel der Vergangenheit

Wenn Frauen über Männer sagen, sie seien „nett“ gilt das gemeinhin nicht als Kompliment mir geht das bei Büchern so, wenn ein Buch „nett“ war, dann bedarf es nicht wirklich eines zweiten Dates, was ja nicht heißt, das es für jemand anderen die große Liebe ist, oder vielleicht sogar für mich zu einer anderen Zeit.

Voilà die Rezension zu DIE STIMMEN ÜBER DEM MEER von BETTINA STORKS

Morgane Schneider, Ende dreißig, frisch getrennt, Halbbretonin-Halbdeutsche und Übersetzerin französischer Belletristik macht sich auf nach Frankreich, um dort im äußersten Zipfel der Bretagne, im Finistère, ein geerbtes Haus zu verkaufen.
Erst vor Ort, in einem kleinen, verschlafenem Fischerort, den Füller schon in der Hand, erfährt sie, dass das Haus in zweifacher Weise belastet ist. Zur Immobilie hat ihr ihre Tante Fanny leider auch eine Bankforderung von 20.000 Euro und eine kauzige, wortkarge ältere Dame, ihre Freundin Paulette vermacht, der sie ein Wohnrecht auf Lebenszeit zugestanden haben soll.
Morgane entscheidet sich mehr aus Trotz, eine Eigenschaft mit der sie wenig erwachsen auf vermeintliche Einmischungsversuche männlicher Ratgeber reagiert, als aus Überzeugung für ihr Haus.

Mit dem alten, auf einem Felsen über dem Meer liegenden Haus, das seit Generationen im Besitz ihrer bretonischen Familie ist, kommen die verblassten Erinnerungen an ihre Kinderzeit. In dieser ließ ihre Mutter wie eine Getriebene oft alles stehen und liegen, um, nur mit Morgane, in diesen Landstrich der schweigsamen Menschen zu reisen.

Die raue, wunderschöne Landschaft erweckt bald den verkümmerten Teil ihrer Persönlichkeit, der durch den mysteriösen Badeunfall ihrer Mutter, der sie als Zehnjährige aus dem Paradies der Mythen und Sagen vertrieben hat, zum Leben. Sie findet Antworten auf Fragen, von denen sie gar nicht wusste, dass sie sich diese stellt, verliert eine Liebe und wird von ganz viel neuer Liebe umschlossen.

Trotz aller ihr unüberwindbar erscheinen Hindernisse besinnt sich Morgane auf die ihr innewohnenden Stärke, die mit jedem Hindernis, dass sich ihr in den Weg stellt, nach jeder zweifelnden Gegenwehr wächst, und die Angst zu scheitern in ihre Schranken weist.

Man kann DIE STIMMEN ÜBER DEM MEER von Bettina Storks als einen Emanzipationsroman einer Zerrissenen lesen.
Dazu war es für mich aber zu vorhersehbar in seinem Handlungsablauf, glichen die Protagonisten zu sehr den immer gleichen Stereotypen der Frauenwelt:
Da ist Morgane, körperlich wie geistig ausgezerrt, die wie ihre Namensgeberin, die Heldin der Nebel von Avalon, ihren persönlichen Kampf gegen die über sie verfügenden Männer führt, und ihre eigentliche Gegnerin nicht erkennt. Oder ihre Freundin, ihr Pendant, die sinnliche Annick, ein Vollweib und begnadete Geniesserin auf allen Gebieten. Eine Königin der Liebe, die auf der Suche nach der Huldigung des Einen, für den auch sie die Einzige ist, bei jedem geküssten Frosch die innere Stärke hat, nach einem kurzen, tränenreichen Schütteln aufzustehen und auf den nächsten Prinzen zu hoffen, an dem sie mehr die Leidenschaft der Gefühle schätzt als ihn wirklich zu brauchen.
Dann waren da die Nebenfiguren der Handlung: die kauzige Paulette, der Ex, der zu viel sagte, der Liebhaber, der nichts sagen wollte, der geheimnisvolle Mann in schwarz aus der Vergangenheit ihrer Mutter, und natürlich Filou, dieser, die antagonistischen Charaktere vereinigende, wunderbare Hund.
Fürwahr ein charmantes Grüppchen, aber um mich wirklich fesseln zu können, ein doch sehr typisches Beiwerk.

Die weibliche Selbstbefreiung außer acht, liest sich dieser Roman für mich als eine besondere Liebesgeschichte.
Eine Art literarischer Liebeserklärung an diese wundersame, von Mythen und Sagen beherrschte Region, an die raue und karge Landschaft, die eine gewisse Ähnlichkeit mit ihren Bewohnern nicht leugnen kann, von der man sich aber nicht täuschen lassen sollte, an die Kulinarik im Glas und auf dem Teller und an das wilde, alles beherrschende, unbezähmbare Meer.
So wunderschön beschrieben, dass es einem Kurzurlaub gleich kommt.

Ich bedanke mich beim Bloomsbury Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar.

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