Werk und Wirklichkeit – Der Mythos Viktoria Savs

Rezension zu: Die Kriege der Viktoria Savs von Frank Gerbert, erschienen im Kremayr & Scheriau Verlag

In der Biographie  Die Kriege der Viktoria Savs – Von der Frontsoldatin zu Hitlers Gehilfin versucht der Autor Frank Gerbert das Leben der, als das Mädchen von den drei Zinnen bekannten Österreicherin, Viktoria Savs, nachzuzeichnen. Trotz magerer Quellenlage gelingt es ihm, dass Interesse des Lesers an dieser zur Amazone des ersten Weltkrieg stilisierten Ikone zu wecken. Wobei man daran zweifeln darf, ob es dabei um ein rein historisches Interesse an der besonderen Rolle der Frau in der Militärgeschichte, beispielhaft verkörpert von Viktoria Savs, geht. Vielmehr scheint es eher unsere niederen voyeuristischen Impulse zu bedienen. Diese Frau, deren äußerliche Selbstdarstellung weder den Erwartungen ihrer Zeitgenossen, noch, trotz  aller geforderten Toleranz, unserem Bild einer Frau entspricht.

Frank Gerbert ist ein Journalist, Jahrgang 1955, der für Magazine wie „Spiegel“, „Zeit“ und „Focus“ geschrieben hat und heute als freier Autor arbeitet. Er ist Herausgeber des Franz-Ferdinand-Tagebuchs „Die Eingeborenen machten keinen besonders günstigen Eindruck“ und hat als Autor von „ Endstation Sarajevo“ und „Die letzten sieben Tage des Thronfolgers Franz Ferdinand“ seine Interesse an der k. u. k Thematik rund um den ersten Weltkrieg bewiesen. Er ist ein begeisterter Wanderer, der bereits fünf Alpenüberquerungen absolviert hat, unterhält einen Wanderer-Blog und hat bereits ein Buch „Wandern“ über diese Leidenschaft veröffentlicht. So ist es fast logisch, dass er über das Schicksal der Südtirolerin, Teilnehmerin am Dolomitenkrieg, Viktoria Maria Savs „gestolpert“ ist.

Die Titelheldin ist als erstes von drei Mädchen des, aus dem heutigen Slowenien stammenden, Schuhmachermeister Peter Savs und seiner Ehefrau Maria Pauli 1899 in Bad Reichenau geboren. Die Familie ließ sich 1903 in Arco ( Arch), ein bei wandernden Touristen beliebter Ort, am Gardasee in Südtirol nieder, zog 1914 nach Obermais bei Meran, beides damals ein Teil von Östereich-Ungarn. 1904 beantragte der Vater die Trennung, eine Scheidung war nicht möglich, von seiner Frau, die mit der jüngsten Tochter, Irma, die Familie verlies.

Als Italien im Mai 1915 Österreich-Ungarn den Krieg erklärt, meldet sich Viktoria, kurzhaarig und in Männerkleidung, als freiwillige Arbeiterin eines Genietrupps, ein Bautrupp.  Ab Dezember 1916 wird sie auf ihre Bitte hin in die Einheit ihres Vaters, einem kämpfenden Bataillon an der Drei-Zinnen-Front in den Dolomiten, versetzt, wo sie Hilfs- und Ordonnanzdienste, ohne militärischen Rang, auszuführen hat. Im Mai 17 reißt ihr ein Felsblock den rechten Fuß ab, so dass sie vom weiteren aktiven Kriegsdienst ausgeschlossen ist. Sie wird mit verschiedenen Orden dekoriert. Photos von ihr, bewaffnet und in Uniform, werden als Beispiel für Mut und Kampfgeist zu Propagandazwecken in verschiedenen, der Zensur unterstehenden, deutschen und österreichischen Zeitungen abgedruckt.

Von 1917-21 ist sie, weiterhin Uniform tragend, in einem Invalidenhospital in Wien gemeldet, in dem sie als Kriegsversehrte neben medizinischer Hilfe auch eine Ausbildung als Schuhmacherin erhält. Danach lebt sie in bescheidenen finanziellen Verhältnissen, eine Invalidenrente wird ihr vom Österreichischen Staat lange verweigert. Sie, die 1933 schon in den österreichischen Ableger der NSDAP eintritt, lässt sich für die Agitation gegen die Österreichische Regierung benutzen. 1934 wird ihr, dem einstigen k. u. k. „Heldenmädchen“ und der nun von den Österreichern schmählich im Stich Gelassenen, vom „Führer“ eine Prothese geschenkt.

Nach dem Einmarsch der Nazis wird sie 1938 Angestellte der Wehrmacht in Salzburg. 1942 hält sie sich im besetzten Belgrad auf, wo sie mit führenden SS Männern, die auch damals bekanntermaßen für die Ermordung von 7500 serbisch-jüdischen Frauen und Kindern verantwortlich waren, für einen geselligen Herrenabend zusammentrifft. Von dort reist sie schon nach 5 Monaten im Juli 1942 mit der 21 Jahre jüngeren Charlotte Drachau, einer Belgrader Kollegin aus der Nähe von Magdeburg, zurück nach Salzburg. Sie leben die nächsten zehn Jahre, beide als Untermieter, unter der selben Adresse. Nach dem Krieg, unter amerikanischen Besatzung, entgeht Charlotte der Ausweisung nach Deutschland, dadurch, dass Viktoria sie adoptiert. Viktoria wird nach einer Überprüfung im Rahmen der Entnazifizierung als minderbelastet eingestuft, sie äußert sich bis zu ihrem Tod 1979 nie selbstkritisch.

Mit journalistischen Fingerübungen, dem Bericht über den eigenen Wanderstop zur touristischen Photosession an den Drei Zinnen, einer Berglandschaft in den Alpen, durch die vor 100 Jahren die Grenze zwischen Österreich und Italien verlief, einem Bergurlaub mit dem Vater in den 60ern und den persönlichen, keineswegs ungewöhnlichen Kriegserfahrungen, der eigenen deutsch-französischen Familie, gelingt es Gerbert die Aufmerksamkeit des Lesers zu gewinnen.

Mir stellt sich nur die Frage für was? Was ist das eigentliche Ziel des Buches? Viktorias Leben nachzuzeichnen in Form biographischer Daten? Herauszufinden was während ihrer Militärzeit wirklich passiert ist? Wie heldenhaft das Heldenmädchen wirklich war? Die Propagandainstrumente der Machthaber während des ersten und zweiten Weltkrieges aufzudecken? Zu zeigen wie viel Nazi in ihr steckte?

Gerbert gibt dazu nur folgendes an: „Nun jedoch das Leben einer Frau zu erforschen, die „wie ein Mann“ an der Front gekämpft und gelitten hat, erschien mir als ungewöhnlich und daher hochinteressante Variante des säkularen Trauerspiels.“

Ohne leitende Fragestellung, aber mit der Neugier eines Bluthundes, dreht er  jedes Blatt Papier um und klickt jeden Link an, trägt er emsig sein Material zusammen. Ärgerlich, dass die zitierten Quellen nicht ohne weiteres den Literaturangaben im Anhang zugeordnet werden können. Gerbert breitet seine Beweisstücke, meist amtliche Dokumente wie z.B. Geburtsurkunde, Heiratsurkunde, Melderegisterauszüge, Arbeitsnachweise, Parteiausweise, Adoptionsurkunden, unter Zensur entstandene und für Propagandazwecke geschriebene Artikel, mit oder ohne Bildmaterial, und sehr wenige persönliche Photos, einige mit, die meisten aber ohne Beschriftung, aus dem persönlichen Nachlass der Viktoria Savs, dann im Fließtext vor dem Leser aus. Zeitzeugeninterviews gibt es so gut wie keine, von einer um Jahre jüngere Stiefschwester abgesehen, die sich an 2-3 Begegnungen in ihrer Kindheit vage erinnert und sonst nur Hörensagen ihrer Eltern beisteuern kann. Persönliche Briefe, Tagebuchaufzeichnungen oder dergleichen gibt es leider nicht.

Gerbert selbst weist wiederholt daraufhin, dass die Quellenlage mehr als dürftig ist, sich auch gerne widerspricht, und oft einfach sehr viel Interpretationsspielraum lässt. Der Autor ist klug genug diesen auch immer wieder im Text zu betonen, auch wenn seine Deutung der Dokumente nicht zu überlesen ist. So weit, so interessant.

Doch Gerbert versucht sich auch an der Motivsuche und die dafür bemühten Quellen, sind, das gibt er selbst zu eher dubios. Die Fokussierung auf das auffallende Äußere finde ich unseriös. Viktorias uneindeutige Geschlechtsidentität und ihre, uns nicht bekannte, sexuelle Orientierung sind natürlich Teile ihrer Persönlichkeit, haben sie auch zu dem Menschen gemacht, der sie war, nur welchen und wie viel Anteil es an ihrer konstruierten Heldenmädchen Biographie hatte, ist völlig spekulativ und nährt damit nur einen neuen Mythos der Viktoria Savs.

Ich bedanke mich beim Verlag Kremayr & Scheriau für die Überlassung des Rezensionsexemplars.

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