Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit: Rezension zu Wintersonnen von Ivana Jeissing

Ivana Jeissings Roman „Wintersonnen“ erzählt die Geschichte der Mitdreißigerin Gustava, genannt Ava, einer Frau auf der Suche. Als einziges Kind der alleinerziehenden Mimi, die sie nährt und pflegt, die ihr immer irgendwie fremd bleibt, der sie sich nie nah fühlt, projiziert Gustava alle kindlichen Wünschen auf den ihr unbekannten Vater, dessen Identität die Mutter partout nicht preisgeben will. Dieser phantasierte Vater, der für sie um so vieles besser ist als ihre reale Mutter, wird zu einer Obsession, die ihr Leben bestimmt. Als Heranwachsende rächt sich Gustava an ihrer verbissen schweigsamen Mutter, in dem sie den Traum der Mutter, die als Filmvorführerin arbeiten muss, aber viel lieber eine der Darstellerin wäre, zu ihrem macht. Gustava bewirbt sich heimlich an der Schauspielschule, wird Theaterschauspielerin, mit ersten erfolgreichen Aufführungen, mit anerkennendem Applaus und belobigenden Kritiken. Sie fühlt sich wohl, ist glücklich am Theater, der Wunsch nach dem Vater beherrscht nicht mehr ihr Leben.

Da verschiebt sich die Waage der Macht erneut. Ihre Mutter erkrankt an Alzheimer und fordert Gustavas ganze Aufmerksamkeit, kostet sie Energie und irgendwann erkennt sie, dass Mimis Pflege und eine beginnende Schauspielerinnenkarriere mit einer Hauptrolle in Tchechovs Kirschgarten nicht zu vereinbaren ist. Sie gibt ihre gerade begonnenes freies Leben, ihre eigene Wohnung auf, lagert ihre Möbel ein und zieht zurück in ihr Kinderzimmer. Sie bleibt die nächsten Jahre zu Hause bei einer Fremden, die ihr noch fremder wird.

Gustava’s Obsession hat sie wieder im Griff. Ihr wird bewusst, dass sie nicht mehr viel Zeit hat, ihrer Mutter das Geheimnis zu entreißen. Mimis hat mit dieser Krankheit, die ihr alle, auch diese süße, so beharrlich gehütete Erinnerung raubt, einen mächtigen Verbündeten in ihrem Machtpoker gegen ihre Tochter und sie gewinnt.

Nach dem Tod ihrer Mutter nutzt Gustava die Energie, die der Verust freisetzt, für einen Neuanfang in Berlin. Dort sucht sie die Praxis des nikotinsüchtigen, etwas unorthodox agierenden Psychologen Donald Gliese auf, der eigentlich auf jüngere Klienten spezialisiert ist. Dieser stets hungrige Genießer, der der Meinung ist „…dass es für den Zeitpunkt objektiver Vorgänge keine speziellen Zellen im Gehirn gebe, da sich unser Zeitgefühl ausschließlich auf das Maß geistiger Tätigkeiten bezog. Daher gab es für Donald keine logischen Gründe für nächtliche Ernährungspausen, weil sein Gehirn vierundzwanzig Stunden auf Hochtouren arbeitete.“, lebt mit seiner divenhaft agierenden Mutter Charlotte im Grunewald in einer Villa, mit Park und Gärtner Nello. Beide Männer werden schon bald zu ihren engsten Vertrauten und Mentoren ihres Neuanfangs. Glieses weises Credo „Wenn Sie es nicht verstehen können, dann versuchen Sie wenigstens zu verzeihen.“ wird zu Avas neuen Mantra und um so mehr sie loslassen kann, um so freier wird sie.

Ich mag den melancholischen Grundton des Buches, das sich aber auch nicht scheut die Komik, die auch der Verzweiflung innewohnt, genüsslich vor seinen Lesern auszubreiten. Ein Unterhaltungsroman mit einer Geschichte, die Mut macht, ohne dabei all zu kitschig zu werden und Nebenhandlungen, die Spaß machen. Jeissig versteht es, die Erzählstränge elegant miteinander zu verflechten. Hinzu kommen die wunderbar gezeichneten Figuren. Romane, in denen sich weibliche Protagonisten über 300 Seiten nach mehr und minder dem selben Schema von ihrer Vergangenheit befreien und zu neuen Ufern aufbrechen, find ich bisweilen etwas anstrengend zu lesen, nicht so Wintersonnen. Ob Avas Sehnsucht, die sie beherrscht, Charlottes Eskapismus, oder Mimis Abschottung, allen bietet ihr Verhalten Schutz. Es wirkt nicht aufgesetzt, sondern zeigt wie diese Frauen mit ihren Verletzungen umgehen. Wobei mein persönlicher Favorit ist Donald Gliese, eine Romanfigur, dessen Weisheit mit Sätzen wie diesen „…und meine Leidenschaft nicht in Sehnsucht gefangen war, sondern mich täglich beflügelte.“ jeden angesagtesten Lebensratgeber obsolet macht.

 

Ich bedanke mich beim Metrolit Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars.

 

 

 

 

Ivana Jeissing: Wintersonnen.
Metrolit, August 2015, ISBN-10: 3849303713
260 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

 

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