Der Wolfshunger lässt Wolfszähne wachsen – Wien im WK I

Ein sorbisches Sprichwort sagt: Der Wolfshunger lässt Wolfszähne wachsen und ein Wolf ist der Mensch dem Menschen nicht erst seit Hobbes mit Der Henker von Wien – Ein Roman aus dem alten Wien führt Gerhard Loibelsberger den Beweis, dass Hunger den Mensch nicht zahmer macht.

In seinem nunmehr fünften historischen Kriminalroman aus der Serie der Naschmarkt-Morde begleiten wir den genusssüchtigen, jetzt Ober-, Inspektor, Joseph Maria Nechyba mit der gscherten Ausdrucksweise durch seine Stadt und der Leser hätte sich keinen besseren Reiseführer wünschen können.

Loibelsberger, der Urwiener, auch über die Naschmarkt-Morde hinaus beherrscht die Stadt sein künstlerisches Schaffen, lässt uns eintauchen in das Wien mehr der kleinen als der feinen Leute, ganz fern von herzigem Sissi Pastell und Oh, Franzl Du-Romantik.

Von Oktober 1916 bis Januar 1917, also zwei Jahre nach der Ermordung des des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914, begleiten wir den Inspektor, der nicht an der Front, aber den Krieg doch am eigenen, wohlgenährten Leibe spürt. Durch die Umstellung von ziviler auf Kriegsproduktion und der Übernahme der Kornkammer Galizien durch den Feind im Osten hat sich die wirtschaftliche Mangelsituation in der Hauptstadt verschärft. Während kriegswichtige Branchen expandieren, brechen manche Zweige der Konsumgüterproduktion, wie Lebens- und Heizmitteln, fast gänzlich zusammen.

Grundnahrungsmittel gibt es bald schon nur mit Bezugskarten. Diese Engpässe bestimmen den Tagesrhythmus, Stunde um Stunde anstehen in ewig langen Warteschlangen. Es gibt kaum Brot, nur selten richtigen Kaffee, kaum Mehl, kaum Fett, einem Todesurteil gleich für einen Saucentunker wie den Inspektor. Der Import von Luxusgüter aus dem Land der Gourmets, nun mit dem Feind im Bunde, ist verboten und selbst das im Mund führen ihrer Sprache führte zu einem “rendez-vous” auf der Polizeistation. Glücklich der zu nennen, der einen Schrebergarten hat. So ist es möglich die karge Kost durch Gemüseanbau oder die Zucht von Kleintieren zu verbessern. Den anderen bleibt nur sich auf dem Schwarzmarkt mit dem gewünschten einzudecken, wenn sie denn über die notwendigen Tauschmittel verfügten. Die Korruption erlebt einen Frühling im Winter.

In diesem Milieu des heimlichen Verschiebens, des unlauteren Geschäftemachens, der Schwarzmarkthändler, die dafür sorgen, dass durch den Hintereingang geliefert wird, was eigentlich nicht zu bekommen ist. Was dann doch vorne über den Tresen geht, wenn man bereit ist den horrenden Preis dafür zu zahlen, ist der Kriminalfall angesiedelt. Der Prokurist des Kühl- und Gefrierhauses, der Herr über das Fleisch der Stadt Wien, wird ermordet aufgefunden, plakativ am Galgen baumelnd. Die Quelle, jener im Dunkeln agierende Geschäftsmann, der so abschreckend seine unliebsame Konkurrenz vom Markt räumt, ist schon bald vom durch die Mangelzeit des Krieges ewig hungrigen Nechyba als Täter ausgemacht. Die Suche nach ihm wird dem Inspektor mit der gemütlichen Ader noch weit mehr abverlangen als einen knurrenden Magen.

Der Henker von Wien ist ein detailreiches, dicht gewebtes Sittenportrait Wiens im großen Krieg. Im beschaulichen Erzähltempo einer Fiakerfahrt durch den Prater wird das Panorama dieser k.u.k. Metropole mitten im Hungerwinter 16 vor dem Leser ausgebreitet. Durch jeden Satz, durch jedes Wort dampft Wiener Schmäh, oder was wir Nicht-Wiener dafür halten. Der Autor versteht es durch gut gezeichnete Figuren den Schrecken, den der Krieg auch für die Zivilgesellschaft hatte, lebendig werden zu lassen. Ihm gelingt es seinen Figuren, die im Krieg einer anderen Moral als zu Friedenszeiten folgen, gerade dadurch eine Authentizität zu geben, die bewegt.

Für alle Fans historischer Romane unbedingt lesenswert!

Ich bedanke mich beim Gmeiner Verlag für das Rezensionsexemplar.

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