Lieblos…

Das e-book Ein Rest von Liebe von Viola Alvarez erschienen als ebook bei dot.books ist ein seltsames Zwitterwesen von Familiengeschichte und Selbstfindungsroman. Es ist der erste Teil eines dreibändigen Gesamtwerks, dass vermutlich die Familiengeschichte der Familie Schellack aus dem kleinen Ort Wesel erzählen soll.

Der vorliegenden erste Band, ästhetisch brutal zweigeteilt, der in der Jetztzeit beginnt und einen zeitlich kurzen Ausschnitt von einem Tag im Leben der jungen Louisa Schellack erzählt.

Sie ist das Vorabendserien-Stereotyp einer Oberärztin, wie es sich Autoren gebührenpflichtiger deutscher Sender gerne ausdenken. Eine moderne Traumfrau, top ausgebildet, bildschön, Mutter zweier kleiner Söhne, verheiratet mit dem gut aussehenden Sportarzt einer Bundesliga Fussballmannschaft. Eine Karrierefrau, die alles Um dem Ganzen die nötigen Kratzer zu geben ist sie, die von ihrem Vorgesetzten gefördert und bevorzugt wird, von weiblichen Neidern umgeben, die zu viel Glück auf einem Haufen nicht ertragen können, was sie aber, wenig empathisch wie das vor Selbstzweifeln zerfressene Feenwesen ist, nicht wirklich interessiert.

Auch ihre Ehe entspricht schon lange nicht mehr der Frühstücksflocken-Werbeanzeige. ihr Mann betrügt sie aus Selbsthass,weil er sich der perfekten Frau an seiner Seite unterlegen fühlt, mit seiner Ostblock-Assistentin. Eine Mischung aus schlechtem Gewissen und Selbstmitleid führt dazu, dass er sie für sein Verhalten bestraft. Louisa ahnt es, beide leiden  nicht wirklich aussprechen zu können, stattdessen verletzen sie sich weiter.

Louisa wird nun an diesem einen Tag eine verantwortungsvolle Position im Vorstand einer Stiftung für ethisches Verhalten in der Kindermedizin angeboten, der von seinen Mitgliedern absolute Transparenz in Bezug auf ihr Privatleben, ihre Besitztümer und das ihrer Familie verlangt. Da Louisa sich an ein geerbtes Haus erinnert, dessen Besitzverhältnis unklar ist, macht sie sich am nächsten Tag auf die letzte ihrer Familie, ihre alte Großtante Hilde, im Altenheim dazu zu befragen.

Der zweite Teil des Buches spielt ab 1920 bis Mitte der 30er Jahre in der Kleinstadt Wesel. Er beginnt kurz vor der Geburt von Louisas geliebter Großmutter Henni, die von genau so auffälliger Schönheit war, wie ihre Enkelin, und endet als diese als junges Mädchen den Ort ihrer Kindheit verlässt.

Wenn im ersten Teil eine moderne Kleinfamilie, ein typischer Akademikerhaushalt der großstädtischen Thirty-somethings der westlichen Welt dargestellt wird, sind ihre Urgroßeltern, mit dem arbeitsscheuen, trink- und feierfreudigen Oberhaupt, Josef Schellack und seiner ungeliebten, engherzigen Frau ein Beispiel für das Kleinbürgermillieu, Beide Urgroßeltern einsam und sprachlos in ihrem Unglück. Hier gelingt es der Autorin den Leser die Tristesse und den Schmerz dieses hinter seinen Erwartungen weit zurück gebliebenen Lebens nachfühlen zu lassen. Jener Abschnitt schildert das schwierige, meist freudlose Leben der Familie, ihre Position im kleinstädtischen Kosmos, die Entwicklung der vier unterschiedlichen Geschwister, Hilde, Hanni, Henni und des ihrem Mann abgetrotzten Stammhalters Werners.

Mir ist der erste Teil zu sehr die schon hundertmal gelesene Wiederholung des immer gleichen Stereotyps der modernen Familie, alles etwas zu dick aufgetragen, zu plakativ. Für mich zu sehr Desperate Housewives trifft auf Greys Anatomy. Um die Geschichte und Motive der Protagonisten zu entwickeln war einfach nicht genug Erzählzeit und erzählte Zeit.

Den zweite Teil ab 1920 fand ich besser. Die Darstellung der Isolation des Einzelnen in der Familie, diese Unfähigkeit Gefühle wahrzunehmen, Worte für sie zu finden, Worte für die Kommunikation mit den Anderen, aber auch zur Benennung für sich selbst. Eine wirklich eindrückliche Darstellung der seelischen Verwahrlosung innerhalb einer Familie zwischen den Weltkriegen. Die Familie als emsig agierender Mikrokosmos, ohne Empathie, beispielhaft für ein Großteil der Gesellschaft.

Den scharfen Cut zwischen dem ersten und zweiten Teil kann ich nicht verstehen. Louisas Geschichte im Vergleich zur vergangenen Familiengeschichte so platzsparend, fast als langen Prolog, davor zusetzten, ohne einen Bezug, dreimalige Erwähnung des Verwandtschaftsverhältnisses zählt für mich nicht. Ich denke vom Verflechten der Handlungstränge hätte das Buch sicherlich gewonnen.

Dann das abrupte Ende mit zahllosen offenen Geschichten halte ich auch für eher unglücklich. Die populärsten Autoren, die dem Lesepublikum mehrbändige Geschichten anbieten, sorgen mehrheitlich dafür, dass jeder Band für sich abgeschlossen ist und getrennt von einander ein Lesevergnügen darstellen. Warum Alvarez das für ihr Werk anders entschieden hat, kann ich nicht verstehen.

Ich bedanke mich beim dot.book Verlag für das Rezensionsexemplar.

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