Die Zeit spielt gegen sie…Rezenzion zum Müsterturm von Christine Schurr

In dem Roman Münsterturm der Ulmer Autorin Christine Schurr wird die Geschichte der jungen, gerade von der Münchner Fotografenschule zu ihrer Familie nach Ulm zurückgekehrten, Magdalena Jörger erzählt.

Voller Tatendrang und froher Erwartung auf eine aufregende Zukunft in dem von ihr geliebten Beruf wird Magda, wie sie von ihrer Familie genannt wird, recht bald mit der Realität des Jahres 1938 konfrontiert, in der so viel Selbstbestimmung keinen Platz hat.

Ihr Vater, ein Verehrer Hitlers, teilt ihr mit, dass sie den einjährigen,  verpflichtenden Reichsarbeitsdienst in wenigen Wochen bei entfernten Verwandten auf deren Bauernhof antreten soll.

Doch vorher lernt sie den gleichaltrigen Journalisten Robert Avenson kennen, der im Auftrag einer in Berlin ansässigen Zeitschrift einen Bericht über die Stadt Ulm schreiben soll und die Ortskundige als Photographin engagiert. Der Engländer mit deutscher Mutter und Magdalena verbringen ausgelassene Tage miteinander und verlieben sich ineinander.

Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges durch die Kriegserklärung der Deutschen am 1. September 1939 macht das gemeinsame Leben dieser Liebe unmöglich.

Aus der Ich-Perspektive eines jungen, eigentlich unpolitischen Mädchens wird hier das persönliche Leid geschildert, das ein Krieg für alle, auch die Zivilbevölkerung bedeutet. Verlust und Bangen um die Gesundheit und das Leben der Lieben im direkten Kriegseinsatz, Bedrohung des eigenen Lebens durch Luftangriffe, persönliche Übergriffe und Mangel, Zerstörung des Eigentums und der materiellen Heimat und die Unmöglichkeit, die eigenen Träume zu verwirklichen.

Einen direkten Bezug auf die besondere Bestialität des Nationalsozialismus nimmt die Autorin durch die Figur des an einer Muskelschwäche erkrankten Bruders, des literaturverliebten und das politische Geschehen nicht ignorierenden Abiturienten, Jakob, und des Hitler-Gläubigen Vaters. Wobei diese wenigen Situationen wie eingeworfen wirken, die Figuren nehmen darauf kaum Bezug.

Das gesamte Personal des Romans bleibt für das, was ihnen widerfährt, seltsam blass, eindimensional gezeichnet, agiert sichtbar am Phantasie-Gängelband ihrer Schöpferin. Deren hölzerner Sprachstil, oft leider weder zur Situation noch Zeit passend, ist fern von literarisch.

Ein historischer Roman, der bestimmt mit der hehren Idee begonnen wurde, die große Geschichte der europäischen Neuzeit im Kleinen erfahrbar zu machen, das große Elend des Krieges im Mikrokosmos der Familie von Nebenan abzubilden und dabei meiner Meinung nach leider nur blutleere Handpuppen, aus denen Worthülsen tröpfeln,
im Nazi Setting präsentiert hat.

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