Ein Leben oder Die schlichte Wahrheit von Guy de Maupassant

Am Abgrund die Wahrheit

Eine Neuübersetzung des Weltklassikers mit informativem Anhang aus dem mare Verlag, der literarische Schätze hebt, um sie mit viel Liebe zum Buch für die Ästheten unter den Buchverrückten prächtig herauszuputzen: im edlen Schuber, farblich abgestimmt auf das feine, mehrfach geprägte Leinenkleid, mit einem von Hand aufgeklebten Schildchen mit Monet Motiv, die exzellente Typografie gedruckt auf schmeichelweichem Papier, die einzelnen Seiten durch Fadenheftung verbunden.

Der Roman “Ein Leben” von Guy de Maupassant schildert das Leben von Jeannette Le Perthuis des Vauds, Jeanne genannt, ein 17 jähriges Mädchen gerade aus der Klosterschule entlassen, voller Träume und freudiger Erwartungen “..endlich für immer frei.”. Sie steckt mitten in den letzten  Vorbereitungen zur Abfahrt in das familieneigene, von Ländereien umgebende, alte Sommerschloss “Les peuples”, nach den, die Auffahrt säumenden, Pappeln benannt. Dieser frisch renovierte Landsitz nahe der Steilküste in der Nähe von Yport, zwischen Etretat und Fécamp, soll von ihren Eltern Baron Simon-Jaques und Baronin Adelaide in Jeannes Besitz übergehen. Der Erzähler beschreibt Jeanne unbändige Freude aufs Landleben, auf einen Sehnsuchtsort fern der Stadt, an dem ihr Leben endlich beginnen soll. In diesem Haus wird sie wenig später mit ihrem Ehemann Julien de Lamar und ihrem Sohn leben, es Jahre später verarmt, verkaufen, um seine Spiel- und Geschäftsschulden auslösen zu können. Jenes verhätschelten, durch die kein anderes Ziel findende Liebe seiner Mutter charakterschwachen, jungen Mannes, der den Kontakt zu ihr abgebrochen hat, und bis zum Schluss der Geschichte ohne ihre finanzielle Hilfe nicht überleben kann. An dieser rauen Küste, nah am Abgrund ins Meer, die ein Sinnbild ihres Leben darstellt, ist sie vielen Schicksalsschlägen ausgesetzt, windet sich in Verzweiflung und gibt sich schließlich der Resignation hin.

Der Autor, Guy de Maupassant, wird am 5. August 1850 als Sohn einer lothringschen Adelsfamilie auf Chateau de Miromesnil geboren. Nachdem er die ersten Lebensjahre auf dem normannischen Chateau de Grandville-Ymauville  verbracht hatte, zerbricht die Ehe seiner Eltern 6 Jahre nach der Geburt seines Bruders. Die Eltern lassen sich 1863 einvernehmlich scheiden und die Mutter zieht mit den Söhnen in ihr Landhaus “Les Verguies” in Étretat, wohin er als Internatsschüler in den Ferien und auch später als Erwachsener immer wieder zurückkehrt. Ab 1864 unternimmt er erste literarische Versuche und begegnet  den Malern Courbet und Monet und trifft vier Jahre später erstmal auf Gustave Flaubert, der ihn bis zu seinem Tod 1880 fördernd begleitet. Er studiert Jura, wird Beamter und langweilt sich in der Verwaltung. 1873 trifft er in Paris auf Zola, Daudet, Tugenjew und Cézanne. 1877 fungiert er als einer der der “Geburtshelfer” des Naturalimus bei einem Diner verschiedener Schriftsteller im Restaurant Trapp. Im selben Jahr im Dezember beginnt er mit “Ein Leben”, das im April 1883 erscheint. Viele Reisen und Veröffentlichungen folgen, trotz zunehmender gesundheitlicher Probleme. Nach einem Suizidversuch in Cannes 1892, wird er in eine Nervenklinik eingewiesen, in der er am 6. Juli 1893 stirbt.

Er gilt als Vertreter des Naturalismus, jener literarischen Strömung, der es um wahrheitsgetreue Literatur geht, um die Darstellung des wahren Menschen. Ihr Ziel ist es die Realität im Detail wiederzugeben durch eine möglichst vollständige Beschreibung der Umwelt im Nebentext. Das Verhalten der Figuren soll durch eine exakte Erfassung von Gestik und Mimik und ihrer sprachlichen Besonderheiten, wie z.B. Dialekt, dargestellt werden.

Flauberts, drei Jahre zuvor gestorben, hat Maupassant in “Ein Leben” sicherlich noch hinsichtlich Stil und Form, z.B. die leicht verständlichen Struktur durch die Chronologie der Darstellung vom Beginn des Romans 1819 bis zum Ende 1852, beeinflusst. Andere Elemente, wie die Art der Beschreibung von Landschaft und Wetter, mit der Hervorhebung von Form, Textur und Licht, haben sich in der Auseinandersetzung mit den Malern des sich gerade herausbildenden Impressionismus ausgebildet. Die Küstenlandschaft fungiert hier auch als Mittel für die Psychologisierung der Protagonisten. Ihre ausgiebige Darstellung dient als Blaupause der Seelenzustände der Figuren. Hinzu kommt Maupassants Fähigkeit, in seinen Erzählungen eingeübt, die rechte Balance zwischen Stillstand und Veränderung der Handlung zu finden.

Man kann sein Werk als eine Studie des Verfalls lesen, des persönlichen von Jeanne und auch des Adels im allgemeinen, beide unfähig oder unwillig sich den Veränderungen anzupassen, bleiben sie passiv, Objekte der Handlungen, verharren sie im Sturm, der um sie tobt. Was letztendlich zum Untergang der Einen, allein und verlassen von allen, die sie liebte, ohne das Bestreben aus sich selbst heraus Glück zu empfinden, wie der Anderen, die lieber Vögel schießen und spazieren gehen, statt Anbetracht der sozialen Veränderungen im Gefolge der Industrialisierung, aktiv den Wandel mitzugestalten, führt.

Der Gegenentwurf ist Rosalie, Jeannes Milchschwester und ehemaliges Hausmädchen, die trotz aller Widrigkeiten des Lebens, ganz im Reinen mit sich ist,  sie akzeptiert Veränderungen als Herausforderungen und verkörpert damit die neue Zeit. Vielleicht auch deshalb hat ihr Maupassant das letzte Wort des Romans in den Mund gelegt, Worte seines Freundes Flaubert aus einem Brief an ihn im Dezember 1878: ”Wissen Sie, das Leben ist nie so gut oder schlecht, wie man glaubt.”

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