Rezension: Der Mann, der eine einzige Hoteltür öffnete, und ein ganzes Land hineinließ…

Wenn einer eine Reise tut…dann kann er was erleben. Gewöhnlich ist damit ein von Montezuma verordneter 48 Stundenaufenthalt auf dem Hotelklo oder ein fieser Ganzkörpersonnenbrand inklusive Fußsohlen und Ohrmuscheln gemeint, der liebenswerte Protagonist des wunderbar ironischen Debutromans Wie Anatolij Petrowitsch Moskau den Rücken kehrte und beinahe eine Revolution auslöste Katharina Ferners, geht da noch ein kleines bisschen weiter und das so ganz nebenbei aus purer Höflichkeit.

Der bis dato unauffällige Angestellte eines Moskauer Gasunternehmens,  Anatolij Petrowitsch, ein Mann in den besten Jahren, der gerade seine gesamte Energie eingesetzt hat, seine geliebte Tochter davor zu bewahren, sich mit einem brotlosen Puschkin des 21. Jahrhundert zu verloben, gewinnt im Jahr des Superlativs der russischen Selbstdarstellung eine Reise zur Eröffnungsveranstaltung der olympischen Winterspielen in Sotschi.

Etwas überrumpelt und aus Mangel an weiblichem Personal in seinem Privatleben, als Vater einer nun erwachsenen Tochter, deren Mutter sich in einer Nacht und Nebel Aktion mit einem deutschen Diplomaten ins damals klassenfeindliche Ausland abgesetzt hatte, war seine karge Freizeit in den darauf folgenden Jahren mit Erziehung und regelmäßigen Einbestellungen beim russischen Geheimdienst ausgefüllt, gibt er spontan seinen Arbeitskollegen Michael als Begleitperson an.

Vor Ort in der euphorisierten Feierstimmung aus Nationalstolz, neu erwachter Männlichkeit und einer nicht unerheblichen Menge Alkohol, kommt es zu einem Filmriss, so dass am Morgen danach nichts mehr ist wie noch zuvor.

Anatolij beschließt dem unangenehmen Gefühl des Nichtwissens und dem matschigen Moskauer Winterwonderland zu entfliehen. Er, der seit 20 Jahren keinen der ihm zustehenden Urlaubstage angetreten hat, überredet seinen Vorgesetzten seine spontane Erholungsreise in wärme Gefilde auf die bruderstaatliche Krim als Dienstreise zu deklarieren.

Doch statt im warmen, weichen Sand unter Palmen zu liegen, gerät der konfliktscheue Antiheld auf der Suche nach Ruhe mitten hinein in die Unruhen des ukrainisch-russischen Krimkonflikts. Er wird verhaftet und verbringt, nur von russischen Geheimdienstverhören unterbrochen, seine restlichen Urlaubstage mit der ukrainischen Journalistin und unerschrockenen Regimekritikerin Tatjana auf dem harten Boden einer ungastlichen, ukrainischen Schule hockend.

Während draußen die Russen mit aller Gewalt die Krim unterwerfen, infiltriert die attraktive Tatjana den, durch seine Fähigkeit der selektiven Wahrnehmung, wohligen Nationalstolz ihres Mithäftlings, so dass er, wieder zurück in seiner Heimatstadt, das Leben in Russland immer häufiger durch die regimekritischen Augen Tatjanas sieht.

Unbedingte Leseempfehlung für alle, die einen humorigen Blick in den Alltag der Menschen in Putins Russland wagen wollen. Ein liebenswerter Antiheld, gut gezeichnete Nebenfiguren, ein ironischer Erzählton, der gerade wegen seiner kritischen Seitenhiebe die Liebe der Autorin zu diesem Land und seinen Menschen verrät.

Ein Land, das bevölkert ist von neuen, jungen Puschkins, die die lang ersehnte Freiheit Russlands mit dem Laptop erschreiben wollen, von alten Gevattern, die der konservierte Stolz auf Mütterchen Russland jede Veränderung ausblenden lässt, von rund gesichtigen Babushkas, die wie eh und je ihre Tage damit verbringen die Enkelkinder zu hüten und Unmengen an Nahrungsmitteln für die heilige Familie herzustellen, die sich trotz aller Zerwürfnisse wenigstens am Wochenende in der Birkenholz-Datscha noch zusammenzufinden hat und vom Pawlowschen Reflex der Hasstirade des staatstragenden Fernsehsenders gegen eine Bart tragende Sängerin als europäische Botschafterin der Toleranz.

Ein höchst ironisches Kaleidoskop von Eindrücken eines dämonisierten Landes.

Ich bedanke mich beim Wortreich Verlag für das Rezensionsexemplar.

Katharina Johanna Ferner, Wie Anatolij Petrowitsch Moskau den Rücken kehrte und beinahe eine Revolution auslöste, Wortreich Verlag, ISBN 9783950399165, Wien 2015

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