Rezension: Der Mensch ist die Summe seiner Erfahrungen…

Etwas bleibt immer, das Leben lässt die, die es leben, nicht unberührt, so wenig wie dieser Text seine Leser.

Im zweiten Roman von Horst Moser, erschienen im Raetia Verlag, wird die Geschichte dreier Mittdreißiger erzählt. Vera und die Brüder Stefan und Johannes verbringen eine scheinbar unbeschwerte Kindheit mit selbstvergessenen Spielen und Träumen unter der Eiche im Hof des Mietshauses, in dem ihre Familien wohnen.

Zweien gelingt vermeintlich erfolgreich der Übergang von der kindlichen Ungezwungenheit ins Korsett der Ansprüche eines Erwachsenenlebens. Vera macht Karriere in der Bank und Stefan etabliert sich als Anwalt. Nur Johannes, Stefans älterer Bruder, scheitert an seinen unerfüllbaren Erwartungen an sich selbst, die ihn immer wieder vor Zorn lodern lassen. Er glaubt mit einem Ortswechsel in ein kleines Nest im Süden Mexikos seine Dämonen hinter sich lassen zu können und damit auch seine schwer kontrollierbare Wut, die ihn zu ersticken droht.

Doch dort, an der Grenze von den noch ärmeren Nachbarn nach Mexiko, der Vorhalle ins gelobte Land, die Vereinigten Staaten von Amerika, erlebt er Menschen, die bereit sind dafür jeden Preis zu zahlen und Menschen, die ohne jeden Skrupel einen noch höheren Preis einfordern.

Die Anstrengungen der wenigen Idealisten vor Ort, erscheinen ihm verhöhnt von der Verrohung der Bestien, die sich an der Not der Flüchtlinge bereichern. Er kehrt um.

Im beschaulichen Innsbruck werden die Handlungsstränge zusammengeführt. Hier recherchiert der Journalist Miguel Svensson die Hintergründe eines Gewaltexzesses an einem Jugendlichen unter jener Eiche aus Kindertagen und wird so mit der Vergangenheit der drei Freunde, aber auch seiner eigenen, von ihm so fern geglaubten, konfrontiert.

Die Geschichten der Figuren dieses Romans, ihre Gefühle, sind uns wohlbekannt, es könnten unsere eigenen sein, oder wenigstens die eines guten Freundes. Wir alle straucheln durchs Leben, suchen vermeintliche Sicherheit, hoffen, scheitern. Einige machen weiter, andere haben nicht immer die Kraft dazu.

Dieses Vermögen weiterzumachen ist auch abhängig von dem, was war. Von der Vergangenheit, denn etwas bleibt immer.

Ihr entkommt niemand, vor ihr kann man nicht fliehen, weder ans Ende der Welt, noch in den Alkohol oder die harte Schale. Keiner von uns. Sie macht uns zu uns, unverwechselbar. Wir können nur entscheiden, ob wir sie als bloße Ansammlung von Klecksen auf einem reinen Tuch sehen wollen, die wir versuchen verschämt zu verstecken, oder uns mit ihnen stolz als ein Jackson Pollock Kunstwerk der Welt zeigen.

Ich danke dem Raetia Verlag für das Rezensionsexemplar.

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