Rezension: Als die Gedanken grenzenlos wurden…

Die Weltumseglung, die Entdeckung des größten Kontinents der Erde, die Erfindung des Kompasses, die Verbreitung des Wissens durch die Druckpresse, die Revolutionierung der Kriegskunst durch das Schießpulver, die Rettung antiker Handschriften, die Wiederbelebung der gelehrten Forschung, all das legt Zeugnis ab vom Triumph unseres Neuen Zeitalters.“ Nikolaus Kopernikus

In dieser Zeit des Aufbruchs, in der die Alte Welt jenseits des großen Ozeans auf eine neue traf, in der vor dem Vergessen gerettete noch ältere Gedanken nun neu bedacht werden zu konnten, in einer Zeit als es endlich möglich war, Gedanken für viele Menschen festzuhalten und zugänglich zu machen, in dieser Zeit im Jahr 1542 spielt der historische Roman „Das Geheimnis des unendlichen Raums„.

In diesem Jahr will der Frauenburger Domherr Nikolaus Kopernikus, ein Jurist und Verwalter im Dienste des Fürstbistums Ermland, ein unwirtlicher Ort in Preußen, sein Lebenswerk herausbringen. Er, der seine freie Zeit der Mathematik und Astronomie gewidmet hat, akribisch Nacht für Nacht die Bewegungen der Planeten festgehalten hat, um endlich zu beweisen, was vor ihm schon andere Große gedacht haben: die Erde ist nicht der Mittelpunkt des Universums.

Die Besitzerin der einzigen Wahrheit, die katholischen Kirche, ist sich des möglichen Sprengstoffes dieses Werkes bewusst und schickt den Vertreter der Inquisition Tolosani und den Astronomiekundigen jungen Mönch Alanus von Buchholz in den Norden, um die Deutungshoheit der Mutter Kirche über das was war, ist und sein wird, zu verteidigen. Sollten Kopernikus Beobachtungen die Berechnungen antiker Vordenker beweisen können, sollte das bis dahin unumstößliche Ptolomäische Weltbild diesmal wirklich ins Wanken geraten, hatten sie den Auftrag dies zum Wohle der Menschheit zu verhindern.

Doch sie kommen zu spät. Als die Beiden die Burg erreichen, ist der Gelehrte Kopernikus durch einen nächtlichen Schlaganfall, der Sprache beraubt und sie müssen von seinem Assistenten Rheticus erfahren, dass sich sein einziges Manuskript bereits in Nürnberg in der Druckerei Petreius befindet. Die beiden Männer machen sich auf den beschwerlichen Weg in die Fuggerstadt.

Als sie die Druckwerkstatt aufsuchen, geraten sie hinein in die Mordermittlungen des jungen, übereifrigen Bürgermeisters Leitner. Der Druckergehilfe des Petreius ist früh morgens von der jungen Julia Fugger, die drei wertvollen Bücher ihres Vaters abholen sollte, in Begleitung ihrer Dienerin erstochen aufgefunden worden. Die neuzubindenden Bücher, unter ihnen welche, die die Kirche verboten hat, sowie das Manuskript des Kopernikus Werkes sind verschwunden, die schon getätigten Drucke aber noch vorhanden. Der Tote hat drei mysterieuse Zeichen als möglichen Hinweis auf seinen Mörder in sein eigenes Blut gemalt. Dies und der Hinweis auf einen eine Mönchskutte tragenden Täter führen dazu, dass Julia und Alanus unter Verdacht geraten. Woraufhin die temperamentvolle und gebildete Kaufmannstochter spontan beschließt mit ihm vom Tatort zu fliehen, um im Verborgenen selbst die Tat aufzuklären.

Christoph Andreas Marx beweist mit seinem historischen Roman, was ich als Minimalbegabte im Naturwissenschaftsbereich fast so vehement geleugnet hätte, wie einst die katholische Kirche das heliozentrische Weltbild des Kopernikus: das Wissenschaft(-sgeschichte) furchtbar spannend sein kann.

Eingebettet in einen Plot aus Mord und verbotenen Gefühlen, mit Nürnberg als Handlungsort, eine der geschichtsträchtigsten Städte Deutschlands, die hier nicht nur das dekorative Bühnenbild bietet und Figuren, die nicht nur Abziehbilder ihrer Zeit darstellen. Die detailreichen Beschreibungen und lebendigen Dialoge in einer wundervoll literarischen Sprache, der ich nach dem zweiten Satz verfallen war.

Dieser Roman lässt den Leser eintauchen in eine ferne Zeit voller Umbrüche, in der der Anspruch auf die eine Wahrheit sich langsam auflöst, in der der Gedankenfreiheit der Weg geebnet wird und damit aber auch die Angst wächst vor dem unendlichen weiten Raum, den nun jeder mutig mit Wahrheiten füllen muss.

 

 

Ich bedanke mich beim Herder Verlag für das Rezensionsexemplars.

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