quote of the day

EIN WEICHER WEISSER UNTERLEIB

Während die meisten jungen Schotten seines Alters Röcke lüpften, Furchen pflügten und die Saat ausbrachten, stellte Mungo Park seinen nackten Hintern vor al-Hadsch Ali ibn Fatoudi, dem Emir von Ludamar, zur Schau. Es war das Jahr 1795. In Windsor Castle bespuckte George III. die Wände, in Frankreich verpfuschte das Directoire die Staatsführung, Goya war taub und De Quincey ein verdorbenes präpubertäres Bürsch- chen. George Bryan »Beau« Brummell strich seinen ersten gestärkten Hemdkragen glatt, der junge Ludwig van Beethoven, ein Vierundzwan- zigjähriger mit buschigen Augenbrauen, sorgte in Wien mit seinem Zweiten Klavierkonzert für Furore, und Ned Rise trank im Pig & Pox in der Maiden Lane mit Nan Punt und Sally Sebum eine Runde Wuppdich nach der anderen.

Ali war Maure. Er saß im Schneidersitz auf einem Damastkissen und musterte die bleichen, bebenden Backen mit der Miene eines Fein- schmeckers, der in seiner Vichyssoise eine Fliege entdeckt hat. Seine Stimme war wie Sand. »Umdrehen«, sagte er. Mungo war Schotte. Er kniete mit halb heruntergezogener Hose auf einer Strohmatte und sah über die Schulter zu Ali. Er war auf der Suche nach dem Niger. »Umdre- hen«, wiederholte Ali.

Der Entdecker besaß zwar ein freundliches, entgegenkommendes Wesen, doch sein Arabisch war recht lückenhaft. Als er auch auf die zweite Aufforderung nicht reagierte, trat Dassoud – Alis Scherge und menschlicher Schakal – vor und schwang eine aus einem halben Dut- zend Gnuschwänzen verfertigte Peitsche. Engelsflügeln gleich sausten die buschigen Schweife mit mächtigem Schwung durch die Luft. Vor Alis Zelt betrug die Temperatur zweiundfünfzig Grad. Der grob ge- webte Zeltstoff war aus Ziegenwolle. Im Inneren herrschten fünfund- vierzig Grad. Die Peitsche fuhr herab. Mungo drehte sich um.

Auch vorn war er weiß – weiß wie ein Bettlaken, weiß wie ein Schnee- sturm. Ali und seine Entourage staunten abermals. »Seine Mutter hat ihn in Milch gebadet«, sagte einer. »Zählt seine Finger und Zehen!« rief ein anderer. Am Zelteingang drängten sich Frauen und Kinder, Ziegen meckerten, Kamele röhrten und paarten sich, jemand pries Feigen an. Hundert Stimmen überlagerten einander, es war wie ein Gewirr von Fußwegen, Gassen, schmalen und breiten Straßen – welche war die richtige? –, und allesamt sprachen sie dieses rätselhafte, schnelle, harte Arabisch, die Sprache des Propheten. »La-la-la-la-la!« schrie eine Frau. Die anderen stimmten ein, in gellendem Falsett. »La-la-la-la-la!« Mungos ebenfalls weißer Penis schrumpfte und verschwand.

aus dem Roman: Wassermusik, Kap. 1

Thomas Coraghessan Boyle, amerikanischer Schriftsteller, (2.12.1948)

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