quote of the day

Sie haben Recht, meine Freundinn. Sie haben Recht, wenn Sie mir sagen, daß der beste Trost, den ich jemals gegen die Schmerzen einer geraubten Freuds, oder eines mißlungenen Wunsches finden könne, in dem Gedanken der Erfüllung meiner Pflichten liege, und daß eine edle gefühlvolle Seele das Maaß dieser Pflichten in der Gewalt finde, die ihr zum Wohlthun gegeben worden. Ich sehe, daß meine Gesellschaft ein wahres Vergnügen für meinen theuren Oheim ist; und ich werde davon am meisten in den Stunden überzeugt, wo er sein Tagebuch mit mir durchlieset. – Er ist so gut, daß ihn mein Beyfall freuet. – Meine Sorgfalt für seine Gesundheit, das kleine Stück Munterkeit und Talente meines Geistes, meine Liebe für ihn, nennt er die Freude seines Lebens; und wenn er mir dieses sagt, so liebe ich den Entschluß mit ihm zu reisen, und fühl selbst die Entfernung von meiner Freundinn Mariane nicht mehr mit so viel Bitterkeit – denn es ist mir süß, sehr süß, die Freude des Lebens eines rechtschaffenen Mannes zu seyn, und es in meiner Gewalt zu haben, Gaben des Glücks, die ich von meinem zwölften Jahre an von meinem Oheim genoß, mit Wohlthaten des Herzens zu belohnen! – Dennoch, meine Mariane, fühle ich, daß dieser Trost über die verlohrne Freuden Ihres Umgangs nicht so wirksam seyn würde, wenn ich die Erreichung meiner Absicht nicht vor mir sähe. – Ich erinnere mich hier, daß Sie einst sagten: »Nahes Glück reitzt und treibt zu Ausübung vieles Guten, so wie allein die gerade neben uns liegende Strafe vom Bösen zurück hält; denn wenn die in der weiten Zukunft ruhende Freude oder Elend viel Gewalt über uns hätten, so geschähe mehr Gutes; und weniger Böses.« – Ich wünsche würklich, daß die Idee von Belohnung bey der Kinderzucht mehr gebraucht werden möchte als die von Strafe, weil dabey der Geber und die Zusehende zugleich als Zeugen unsers Wohlverhaltens erscheinen, als solche geliebt werden, und natürlicherweise die Begierde entsteht, ihnen immer gefällig zu seyn. So, wie man im Gegentheil die Zeugen seiner Fehler und seiner Strafen haßt, und oft aus der Begierde sich in rächen, die Fehler behält, die dem Vorgesetzten und andern am meisten Mißvergnügen geben. Die Menschen sind gewiß, im Ganzen genommen, viel edler und besser, als man glaubt. – Ich bin diese angenehme Ueberzeugung dem Nachdenken schuldig, mit welchem ich bemerkte, daß sich die schönsten jungen Leute so gern zum Krieg werben liessen, und sich dem Tode dadurch eher weihten, als die Natur es gefodert hätte. – Und meistens ist es die Versicherung des Lohns der Ehre, des Vorzugs, des Ruhms, der Tapferkeit, des Antheils an der Vertheidigung der gerechten Sache, die so viele Tausende ihrem sichern Tode entgegen führet. Mein Herz ist ganz gewiß, daß ein Fürst, der das Maaß der Strafen und Unkosten, die damit verbunden sind, in ein Maaß Wohlthat und Belohnung für den guten und arbeitsamen Bewohner seiner Staaten verwandelte, vielleicht in kurzer Zeit meistens lauter gute Unterthanen haben würde. Denn die Bande der Liebe ziehen die Herzen vester an, als die Ketten der Furcht. Sie hörten mich einst behaupten, daß die gelinde Todesstrafe, mit welcher in England die Strassenräuber beleget werden, die gewisse Ursache bey, warum diese Art Bösewichter eine Gattung Großmuth unter ihre Uebelthaten mische, indem sie selten morden, und noch seltener einen Reisenden ganz ausplündern, sondern, nach Berechnung seines Weges, ihm lassen, was er nöthig hat. Dahingegen die schreckliche Strafe des Radbrechens in Frankreich die Summa der Diebstähle und Mordthaten nicht verminderte. – Aber, meine Mariane, wo komme ich hin! Die Stärke dieser Betrachtung giebt meinem Briefe einen harten Ton, unter dem nur Sie die sanfte Stimme einer bewegten Menschenliebe hören werden, welche sagt, daß, wenn wir das Gepräge der Glückseligkeit nicht auf den Ueberfluß des Reichthums und der Wollüste gelegt hätten, so würde man weniger Leidende und weniger Uebelthäter sehn.

aus: Rosalies Briefe an ihre Freundin Mariane von St…, 2. Brief

Sophie von La Roche, eigentlich Gutermann von Gutershofen, deutsche Schriftstellerin, (6.12.1730 – 18.02. 1807)

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