quote of the day

Man hört Glocken in der Ferne.

Calan erscheint mit einem Teppich, den er ausbreitet.

Reisender: Deine Kamele ruhen, deine Knechte speisen, du willst beten?

Calan: Ich will allein sein, darum knie ich abseits nieder.

Reisender: Und betest?

Calan: Ich spreche mit mir selbst; ist das beten, so bete ich.

Reisender: Vielleicht hättest du Grund, dem zu danken, der dir die Kamele gab.

Calan: Die Kamele habe ich genommen von einem, der sie andern nahm. (zeigt auf sein Schwert.)

Reisender: Hast du Blut vergossen?

Calan: Nur das meines Feindes, seiner Kinder, seiner Knechte – – seine Weiber sind jetzt meine Weiber. Ich danke Gott, daß er mir Kraft, Schnelligkeit, Schlauheit, Ausdauer und Mut gegeben hat – Mut und den herrlichen Sinn, der nicht schwankt in der Not, Augen, die Blut zu sehen nicht blendet, Ohren, in die kein Grausen eingeht, wenn blutende Kinder schreien. Ich danke ihm, wenn er Lust an meinem Dank hat.

Reisender: Glaubst du, daß Gott Wohlgefallen am Geschrei blutender Kinder hat?

Calan: Warum gibt er ihnen Stimmen, wenn er ihr Geschrei fürchtet? Und wie kann er sich fürchten, wenn ich es nicht tue?

Reisender: Du bist fehlgeraten, deine Bosheit ist nicht sein Werk, deine Wut nicht sein Wille, dein Tun kommt nicht aus seinem Denken.

Calan: Wenn meine Bosheit nicht aus seiner Bosheit kam, woher keimte also meine Bosheit? Nein, meine Bosheit ist auch von ihm. Wer mich in meine Bosheit gebettet, mich im wilden Blut gebrüht hat, der hat nichts Besseres getan als ich, da ich die Kinder mit der Schärfe des Schwertes schlug, daß sie bluteten.

Reisender: Fehlgeraten bist du – er wird dich in deinen Kamelen schlagen.

Calan: Dann macht er es wie ich mit meinen Knechten, hinterher tut ihm wie mir die Laune leid.

Reisender: Wenn du ihn liebtest, sprächest du anders.

Calan: Lieben – liebt er mich? Ich vertraue, er hat meine Liebe und mein Gebet nicht nötig und gibt mir nicht darum Gedeihen, weil ich ihm zu Willen bin. Kann ich mich zu ihm erheben, der erhaben ist, da ich es nicht bin? Wenn er ist, so weiß er nicht von mir und ich gönne ihm seine Gebiete, nur soll er mich in meiner Wüste und meinen Zelten für mich leben lassen. Wäre er wie der, von dem mein frommer Nachbar redet, brauchte Lob und Dienst und Dank und Knechtschaft, wünschte Gehorsam für seine Gnade und Väterlichkeit . . .

Reisender: Was dann?

Calan: Dann müßte ich fragen und forschen. Vielleicht wäre mein Dank und Knechtschaft ein nichtsnutziger und böser Handel. Ein Wicht müßte ihn bemitleiden um seine Dürftigkeit. Gaben und Gnaden? Und er melkt mich wie ich die geraubten Kamele, er macht Käse aus meiner Knechtschaft, Labe aus meinem Lob, Butter aus meinem Dank . . . danach müßte ich forschen, ob es ungeschickt ist zu denken, daß der Sohn von der Art des Vaters sei – frei wie er – Herr wie er – gerecht und gut wie er – groß und mächtig aus der Gewalt seiner Herrlichkeit entsprossen – – sonst müßte ich glauben, ich wäre das gestohlene Kind eines unbekannten Gottes, schlecht gehalten und seines Vaters unwert.

Chus kommt gelaufen.

Chus: Herr . . .

Calan: Warum sprichst du nicht?

Chus: Der Schreck, der Schreck –

Calan: Sprich ohne Furcht, Chus, sprich.

Chus: Ein zorniger Flug großer Hornisse stieß auf die Kamele, stürzte ihnen Stiche über Nüstern und Augen, über Beine und Bäuche, bohrte ihnen Gift in Ohren und After, und . . .

Calan: Und?

Chus: Töte mich nicht Herr, wir rangen mit dem flüchtigen Vieh, aber wir waren selbst gestochen . . .

Calan: So sind sie auseinandergesprengt?

Chus: Alles in der Wüste zerstreut und die meisten Knechte verliefen sich aus Furcht. Nur ich, Herr, wagte zu bleiben, töte mich nicht.

Calan: Ich will es machen, wie Noahs unsichtbarer Herr; dienst du mir gut, so rechne auf meine Güte. Sei treu, du Tropf, denn Treue ist deinVorteil.

Chus: Ich weiß nicht was du meinst. Ich hätte mich, als sich die Gelegenheit zeigte, wie die meisten andern beritten machen können, Vieh und Frauen rauben. Ich tat es nicht und diene dir in Freundschaft, wahrhaftig Herr, freiwillig blieb ich. (ab.)

Reisender: Hörtest du, er bleibt aus Liebe, obgleich du ein harter Herr bist.

Calan: Wie kommt das? Vielleicht sagt es ihm zu bei mir. Ich kann ihn gut leiden, er ist nicht wie die andern, ja er könnte mein Sohn sein, wenn er nicht mein Knecht wäre. Die Weiber geraubt? Doch wohl nicht die eine, sie teilte von einem Vollmond zum andern mit mir das Zelt, Awah! (will gehen.)

Reisender: Vergiß nicht zu danken, wenn Gott dein Eigentum wieder in deine Hände legt; opfere, schenke Noah einen Teil des Guts, Gottes Freund und Gottes Knecht. Und sage: sieh, so belohnt Gott seine Kinder.

Calan(lachend) Er soll das Weib haben, wenn ich die Kamele wieder bekomme, wirklich er solls!

Die Sündflut, Drama, 1924, Kapitel 2

Ernst Barlach, expressionistischer Bildhauer & Schriftsteller,

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