„Keine Macht für Niemand“

Die „Welt“ fasst den neuen Roman  von Karen Duve mit folgenden Schlagworten zusammen: „Erderwärmung, Sintflut und Klimastürme, Seuchen, Genmanipulation, Nahrungsmittelknappheit, Jugendwahn, Generationen- und Geschlechterkampf, angeheizt durch Endzeit-Sekten, klerikale Ultras, militante Tierschützer, Nazi-Rocker und islamistische Fundamentalisten.“

All das ist drin auf 414 Seiten, mit denen die Autorin nur ausgekommen ist, weil sie einen Teil ihres Pulvers zuvor in einem Essayband verschossen hatte. Diese Anklageschrift benennt nicht nur das Was und Warum, sondern auch explizit die Verursacher der Chose: die gierigen Alpha-Männchen, mit den handgenähten Maßschuhen und dem Teflon-Argumenten.

Den Rest ihrer Wut über das Hier und Jetzt und uns, die wir das nicht sehen wollen und nur träge auf dem Sofa Bücher lesen, führte dann zur Dystopie „Macht“.

Dessen Ich-Erzähler, der nun bald 70 jährige, Sebastian Bürger, Angehöriger der Generation Baby-Boomer, hat stets seinen Müll auf’s Pedantischte getrennt, nicht nur nichts mit Augen verspeist, sondern auch den Hasen das Futter nur mit dem angebrachten schlechten Gewissen weggefuttert, fuhr Fahrrad mit Helm für die Klimabilanz und war lange der Mann hinter seiner karrierebewussten Ehefrau Christine, die seine Gesinnung zu ihrer parteipolitischen Profession gemacht hatte.

In der Erzählzeit, im fernen 2031, ist er geschieden von Frau und Kindern, zurück gelassen mit dem geplatztem Traum das ganz viel Gutes zu Gutem führt und lebensbedroht vom täglich näher heran wirbelnden Armaggedon und somit zurück geworfen auf nichts als sich selbst.

Doch ungleich seines tapferen Namenspatrons, dem heiligen Sebastian, der sich einst für Not leidende Christen einsetzte und dafür den Märtyrertod starb, lässt Herr Bürger so kurz vor Schluss die Sau raus und lebt mit Wonne seine kühnsten Macho-Phantasien aus. Mit einer Welt-Restlaufzeit von knapp unter 5 Jahren vor Augen haben auch gesellschaftliche Regularien über moralisches Verhalten ihr Haltbarkeitsdatum erreicht und Sebastian lebt, wie er sich zuvor nie zu leben getraut hat.

Karen Duve hat hier ein wunderbares vom Leben im staatsfeministischen Deutschland gebeuteltes Weichei von einem Mann gezeichnet. Einen nur auf den ersten Blick irren, psychopathischen Öko-Aktivisten, der dank der Wunderpille im Kraft strotzenden und vor Testosteron triefenden Körper eines 30 jährigen steckt und dessen aufgestauter Frust dem Leser in einem Empörungsschwall in diesem Ekelpickel auslösenden, wehleidigem Grundtenor nur so entgegen fließt.

Sebastian wehrt sich, holt sich zurück, was die Frauen und seine Frau ihm genommen haben und was Generationen von Männern per Geburt schließlich zusteht: Macht!

Einem Kammerspiel gleich gelingt es Duve im begrenzten Erzählraum des Kellerverlieses, in dem der sich ständig selbst rechtfertigende Sebastian die Mutter seiner Kinder als Haus- und Sexsklavin im Blümchenkleid gefangen hält, die Machtspiele auf Mikroebene zu sezieren. Wie funktioniert Macht? Was macht sie mit dem Mächtigen und dem Machtlosen? Wem die Emma zu sehr Alice Schwarzer und Macchiavelli zu antiquiert ist, der schaut dem sich unterdrückt Fühlenden zu wie er unterdrückt. Und lernt dabei nicht nur was über Feminismus, sondern über jede Form von Ungleichheit. Ein hoch aktuelles Thema und genau das macht den Roman für mich wirklich lesenswert.

Aber da gibt es auch noch eine Außenhandlung, siehe Schlagwortaufzählung im ersten Absatz meiner Rezension, von Frau Duve selbst als „Deko“ bezeichnet und besagter Chi-Chi war einfach zu sehr Gelsenkirchener Barock, selbstredend der ästhetische Supergau unter den Interiorstilen. Jedes geblümte Sofakissen,  jeder güldene Kandelaber oder jeder Porzelankater für sich könnten einem Zimmer zur Zierde gereichen, aber en masse verschreckt dieser Nipppesterror. So auch des Themenkonglomerat dieser Anti-Utopie, jedes für sich einen Roman wert als Hintergrund eine Kakofonie des politischen Zeitgeistes.

Mein persönlicher Wunsch von der Themenpuristin an die Autorin vor dem nächsten Roman bitte 2-10 Essaybände vorweg zum Wutabbau und dann einen neuen wunderbaren Roman mit nicht zu viel Tand auf einmal.

Ich bedanke mich beim Galiani Verlag Berlin für das Rezensionsexemplar.

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