Das scheue Glück des Alltäglichen

Ich bin verliebt. Ich bin verliebt in die Sprachbilder, mit denen Synke Köhler in „Kameraübung“ aus kurzen, meist zufälligen, zwischenmenschlichen Begegnungen poetische Stelldicheine im Alltäglichen zeichnet.

Das passiert mir nur selten, das Verlieben, also bei Literatur. Und  noch seltener bei Erzählungen. Die sind gewöhnlich zu kurz, um diese sprachliche Magie zu entwickeln, um mich zu verführen.

Ich gehöre wohl zu den epikureischen Lesern, die gerne ausgiebig lang speisen, mehrgängige Menus, mit den verschiedensten Geschmacks- und Konsistenzerlebnissen, sich dazu jede Zutat eines Ganges auf der Zunge zergehen lassen wollen. Für mich ist der Weg das Ziel, von der Papille zum Love Handle, vom ersten Satz zum fernen letzten Kapitel.

Auch bei literarischen Texten ziehe ich eigentlich ein ausgiebiges Genussbad jeder prickelnden Gaumenreizdusche vor, aber dann kam der Erzählband „Kameraübung“ und hat mich eines Besseren belehrt.

In ihren neun Erzählungen, mit so prägnanten wie assoziativen Titeln wie ein Rorschach Test, meist keine 20 Seiten lang, gelingt es der Autorin schon mit dem ersten Satz zu berühren, fast unmerklich, nicht plump, eher wie ein Flügelschlag, aber die Verbindung ist hergestellt. Mit jedem weiteren Satz wird ein feiner Faden gesponnen, mit dem ersten Absatz ist ein Gefühlskokon entstanden, aus der man sich nicht mehr herauswinden möchte.

In ihren Erzählungen erweist sie sich als exzellente Beobachterin, die ihren oft etwas randständigen Protagonisten und ihren Geschichten eine Bühne gibt.

Da gibt es in „Nachbild“ die unkonventionelle Hippie WG, um den Musiker Reiko, die seit Jahren in einem kleinen Ort am Ende der Welt in Brandenburg ökologisch unbedenklich und basisdemokratisch an einer Scheune werkeln. Deren Tiefen entspannte Welt gerät durch den fremden, Rad wandernden Pavel, der am Ende ihres Grundstücks auftaucht und auf jeden Kontakt- und Kommunikationsversuchs nur mit freundlicher Lautmalerei reagiert, so weit ins Wanken, dass sie alle pazifistische Charakterstärke vergessen und aufrüsten.

„Am Fluss“ beschreibt die Begegnung von Kanter, der angelt, um durch eine gesellschaftlich akzeptierten Beschäftigung getarnt, nachdenkend am Fluss zu sitzen, und dort in einer abgeschiedenen Bucht vom etwa 9-jährigen Jonas entdeckt zu werden, der sich dort vor seinen vier älteren Geschwistern und Eltern versteckt. Er, der sensibel und emphatisch ist, hat sich in seiner Rolle als Familien-Nervensäge eingerichtet, um das sich überflüssig Fühlen ertragen zu können. Wie es Köhler gelingt die beiden Sprachlosen sich fast ohne Worte erkennen zu lassen, ist grandios.

Besonders berührend fand ich „Das kurze Glück des Ibu-Janis“, die Geschichte zweier Brüder. Janis, der endlich mal etwas für sich alleine möchte, und der geistig etwas langsamere Ibu-Janis, der seinem jüngerem Bruder erst den Vornamen und später den Stolz auf die Selbständigkeit als Imbissbesitzer nimmt. Jenes Konglomerat von bedingungsloser Liebe, Eifersucht und Scham, das Familien oft trennt und doch zusammenhält wird hier voll Empathie für seine Mitglieder seziert.

Ich bin mir sicher nach der Lektüre dieser und all der anderen Erzählungen des wunderwunderbaren Prosadebuts wird es noch viel mehr Verliebte geben.

 

 

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