Im Osten nichts Neues

Die hier vorliegenden Erinnerungsaufzeichnungen des einfachen Soldaten Franz Arneitz beruhen auf Notizen, die der Bauerssohn aus Unterferlach, einem Dorf in einem ethnisch gemischten Gebiet in Kärnten, während seines Kriegseinsatzes vom 2. August 1914 bis 1918 akribisch notiert hat.

Editiert und herausgegeben wurden diese von Dr. Andreas Kuchel, der auch die Einleitung verfasst hat, „Ein authentisches Korrektiv der allgemeinen Erinnerungskultur.“ und enthält daneben ein Geleitwort des österreichischen Historikers und Universitätsprofessor für Zeitgeschichte Oliver Rathkolb. Zum besseren Verständnis gibt es Kartenmaterial, das die verschiedenen Fronteinsätze nachvollziehen lässt, sowie Schrift- und Bilddokumente aus dem Besitz des Autors.

Der Einundzwanzigjährige Arneitz wird in Klagenfurt gemeinsam mit seinen Kameraden dem Infanterieregime Nr. 7 zugeteilt und nach kurzer Ausbildung am 22. September an die russische Front ins ferne Galizien abkommandiert. Schon ein Jahr später führt ihn das Kriegsgeschehen in die heutige Ukraine und 1917 geht es nach Italien, unterbrochen von verletzungsbedingten Hospitalaufenthalten und wenigen kurzen Fronturlauben in der Heimat.

Der junge, religiöse Mann, ohne höhere Bildung, dokumentiert hier in einfacher Sprache seine persönlichen Eindrücke und Erlebnisse. Detailliert listet er jeden Kilometer der Truppenbewegungen auf, lässt den Leser die Strecken zu den Fronteinsätzen, die die Männer mit der Bahn aber auch zu Fuß durch das riesige k. u. k. Reich zurücklegen müssen „mitlaufen“, beschreibt andächtig die Schönheit der unterschiedlichsten Landschaften, „Durch das ganze Gailtal breitet sich die schönste Maienpracht aus und es blüht überall in den schönsten Farben, aber uns blüht es in der schönsten Jugendzeit am bittersten.“ und die alltäglichen Schrecken des Großen Krieges, „…die Verwundeten wälzten sich im Schnee, bis sie verbluteten und erstarrten.“ zwischen Hunger, Kälte und Todesangst.

Auch einen sehr persönlichen Verlust wie den seines Cousins, „ganz blutig lag er starr neben mir. Als Weihetropfen fielen meine Tränen auf meinen Treuen.“ und die mit dem voranschreitenden Kriegsjahren zunehmenden eigenen Todessehnsucht, „Beneiden tun wir unsere toten Kameraden, die von den unbeschreiblichen Leiden nichts mehr spüren.“ hält er fest.

Auffällig ist die nicht vorhandene Kriegsbegeisterung des Autors. Er scheint immun gegen jeden Hurrapatriotismus, der vor allem junge Soldaten dazu brachte sich freiwillig schon zu Beginn des Krieges 1914 in dieses „Abenteuer“ zu stürzen und trotz aller Niederlagen, 1 Mio. Toter schon Ende 1914, motiviert weiter zu kämpfen.

Im Unterschied zu vielen seiner Leidensgefährten, die nach 1918 zur Feder griffen, scheint der Autor konsequent darauf verzichtet zu haben, dem als sinnlos erlebten Kampf nachträglich, beim Zusammenfassen seiner Aufzeichnungen, irgendeinen Sinn abzugewinnen.

Seine kritische Stimme erhebt Arneitz auch gegen Ungerechtigkeiten des Einzelnen gegenüber der Zivilbevölkerung , „Eine Menge Kriegsflüchtlinge sind hier am Tagliamento, die heute scharenweise zu ihren Siedlungen zurückgehen, die sie leer und ausgeraubt antreffen werden. die armen Leute gehen einem traurigen Schicksal entgegen.“ und gegen die eigenen Truppenmitglieder.

Die viel gepriesene „Frontgemeinschaft“ wird von ihm als das entlarvt, was sie zu großen Teil auch war: ein Mythos. Auch unter Gleichen sind einige „gleicher“.

Unter all der Brutalität des Kriegsgeschehens bewahrt er seine Menschlichkeit, möglicherweise gelingt ihm das auch, weil er das Unmenschliche so buchhaltergleich in seinem Notizbuch verwaltet.

Trotz alle dem konnte er mich persönlich leider emotional nicht erreichen.

Möglicherweise, weil es für mich nicht das erste inoffizielle, also nur für den privaten Gebrauch geschriebene, Kriegstagebuch war. Soldaten, die über ihre täglichen Erfahrungen und Erlebnisse während des Krieges berichteten gab es viele und darunter welche, deren Ton mich stärker berührt hat.

Bereits während des ersten Weltkrieges und in der Weimarer Republik sind solche Aufzeichnung publiziert worden. Am bekanntesten wohl Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“. Auch aus jüngerer Zeit z.B. dem Afghanistankrieg gibt es Tagebuchaufzeichnungen.

Auch auf der Faktenebene habe ich Informationen über die „Entstehungsgeschichte“ des Tagebuchs und der Sozialisation seines Autors vermisst. Hat dieser junge Soldat besonders mitfühlend auf die Geschehnisse reagiert? Auch im Vergleich mit anderen Berichten? Wenn ja, warum? Die angeführte Religiosität reicht mir da nicht. Der österreichische Kaiser hat schließlich sein gesamtes Volk bei Kriegsantritt Gott empfohlen; auch seinen Offizieren. Wie viel „Faktengerüst“ gab es, wann und wie viel „Erinnerungsfleisch“ ist nachträglich vom Autor angefügt worden? Wie viel Erinnerung „färbt“ die Erfahrung?

All die vielen Fragen, die ein Historiker gewöhnlich seiner „Quelle“ stellt; ich hätte es spannend gefunden, wenn der Herausgeber seine mit uns Lesern geteilt hätte.

 

 

Ich danke dem Kremayr & Scheriau Verlag für die Rezensionsausgabe.

 

 

 

 

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