Freiheit für Anna – Rezension zu „Schandweib“ von Claudia Weiss

Das „Schandweib“ von Claudia Weiss ist ein modern anmutender Entwicklungsroman im historisch prallen Setting der freien Hansestadt Hamburg zu Beginn des 18. Jahrhunderts.

Der erste Band der Advokat Hinrich Wrangel Reihe hat alles, was ein historischer Roman braucht, um seine Leser von der ersten bis zur letzten Seite völlig aus der Zeit zu reißen; das und noch viel mehr.

Es bietet einen spannenden Plot, in diesem Fall zwei Kriminalfälle. Die grausige Ermordung einer jungen Frau, deren nackter Leichnam kopflos in einem städtischen Abbort gefunden wird, sowie die wegen Körperverletzung und Sodomie festgesetze, unter dem Namen Hinrich lebende Ilsabel Brunk, der der neue, junge und äußerst idealistische Prokurator der Stadt Hinrich Wrangel als Pflichtverteidiger zugeteilt wird.

Die Geschichte verfügt über Personal, das die gesamte Bandbreite menschlicher Tiefen und Untiefen abbildet. Als da wäre der sympathische Held, hier der Jurist, Vertreter der Aufklärung, „Kapitalismuskritiker“ und Kämpfer für Gerechtigkeit, mit einer emotionalen Schuld, der er sich stellen muss, sein guter Freund, hier der junge Hamburger Vikar Claussen, Vertreter der christlichen Moralethik, der betagte, jüdische Bankier Absolon und seine gebildete Tochter Ruth, geduldet, aber nicht wirklich zugehörig, die das weltmännisch Rationale mit dem alttestamentarische Prinzip der Vergeltung verbinden, der strenge, leicht gönnerhafte, sehr ambitionierte Vorgesetzte Wilkens und natürlich die ambivalente Gefühle auslösende Angeklagte.

Der Handlungsort, das stets um seine Unabhängigkeit und damit seine materiellen Vorteile ringende Hamburg, ist detailliert dargestellt, die Pfeffersackmentalität seiner Kaufleute, die im Geist der Aufklärung klingenden Salons der weißen Landhäuser,  vom Unrat rutschigen Twieten, der Odeur der Fleete und der fast selbstherrliche Stolz auf ihre freie Stadt der Bewohner.

Ein wirklich sehr gelungener historischer Roman, faktenreich und detailliert beschrieben, der eine vermeintlich moderne Diskussion über Geschlechteridentität im 18. Jahrhundert anstößt, aber auch ein überaus interessanter Entwicklungsroman einer jungen Frau, die hofft als Mann die Freiheit leben zu können, die ihr als Frau verwehrt wird und deren Sehnsucht nach Liebe sie das Leben kostet.

 

Ich bedanke mich für das Rezensionsexemplar beim Droemer & Knauer Verlag.

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