Wenn das Ich in Splittern liegt…

Es ist später Vormittag, während ich das hier in mein Mac Book hämmere, noch im Bett sitzend, im zu großen T-Shirt, aus der Kategorie, ein textiles Überbleibsel von irgendeinem Ex, die Haare, fürs Frühstück im Bett, ungekämmt zus. geknotet, der Kaffeebecher, nordisches Design und seit ich es mir leisten kann nicht mehr aus dem schwedischen Möbelhaus, zum 2. Mal gefüllt mit dem Überlebenshelfer schlechthin, meinem geliebten Milchcafé, 1/3 Espresso, 2/3 heiße Milch, dazu ein Madeleine, ein fluffiges frz. Biskuitgebäck, oder auch gerne einer mehr, auf das ich nur in Phasen besonderem Gesundheitsbewusstseins verzichte.

Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mich Koffein abhängig nenne , aber mir der Espresso nur zur Färbung der Milch dient, weiß, dass ich lieber aus der Kanne trinken würde, bevor ich eine mir ästhetisch nicht genehmen Tasse unter die Augen kommt, jeder, der mich auch nur ein bisschen kennt, weiß, dass das, was man in meiner neuen Heimat Brotzeit nennt, mir nie freiwillig über die Lippen käme, selbst, wenn man mich nach einer Woche Zwangsdiät aus der Wüste Gobi fischen würde.

So bin ich. Das bin ich. Das ist Teil meiner Identität.

Meine Identität, also die Gesamtheit der Eigenschaften oder auch gerne Marotten, die mich kennzeichnen, die mich von anderen Individuen unterscheiden, mich charakterisieren.

Es sind Erfahrungen, die ich gemacht habe, die mich so geformt haben, die Erinnerungen daran trage ich ihn mir. Das Frühstück bei der französischen Verwandtschaft, die erste große Liebe, ein  Künstler, Gene und Sozialisation haben mich zu mich gemacht.

Was ist aber nun, wenn da eine Zecke kommt, ein Parasit, der sich statt vom Blut seines Wirtes, von meinen Erinnerungen nährt? Wenn er andockt, sich vollsaugt mit all dem, was mich ausmacht, mir mein Ich stiehlt? Was bleibt dann von mir? Wenn ich ganz anders bin, bin ich dann noch ich?

In Roman „Kopfzecke“ von Iris Blauensteiner berichtet die Ich-Erzählerin, eine freiberuflich tätige Singlefrau in den 50ern über ihr Leben aufgerieben zwischen beruflichem Termindruck, dem Ansinnen ihres Kollegen aus ihrer Affaire eine Beziehung zu machen und der alles überschattenden Demenzerkrankung ihrer Mutter. Deren Ich sich vor ihren Augen auflöst, der sie morgens und abends dabei zusieht, wie das, was diese wortkarge, nun immer sprachlosere Frau ausmachte, aus deren Erinnerung verschwindet.

Sie stemmt sich mit all ihrer Kraft dagegen. Erzogen zur Härte gegen sich selbst, versucht sie in den immer seltener werdenden  Momenten der Klarheit der geliebten Mutter  ihr Erinnerungsfetzen zu entreißen, um deren Vergangenheit zu entschlüsseln und damit die schmerzlichen Lücken ihrer eigenen zu füllen.

Eine überaus berührende Geschichte, deren Besonderheit für mich das sprachliche Vermögen der Autorin ist. Durch ihre sinnlichen Beschreibungen selbst der Absurdität des Alltäglichen, der Momente, in denen doch eigentlich die Welt stillstehen müsste, hält sie mich gefangen im Kosmos der überforderten Protagonisten.

Ich fühle mich wie sie, gehetzt, mein Puls ist beschleunigt, ich eile atemlos, ohne eigene Hast, von Seite zu Seite. Ich empfinde mit ihr die Trauer über den Verlust der Mutter bevor diese gegangen ist und ahne den Schmerz der Befreiung, der darauf folgt.

Die letzte Seite ist gelesen und ich bleibe zurück. Da sind Fragen, viele Fragen.

Ein wirklich gutes Buch hat keine Antworten für uns alle, es lässt uns Lesern den Raum uns Fragen zu stellen.

 

Kopfzecke, Iris Blauensteiner, Kremayr & Scheriau Verlag

 

 

Vielen Dank dem Kremayr & Scheriau Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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