Bauchweh mit Brautsee…

Die 16 jährige Halbwaise Trine lebt 1633 mit ihrem Vater in einem Dorf in der Nähe von Schleswig. Sie ist in den Knecht Fridjof verliebt, der aufgrund seiner Tätigkeit und dem Glauben seiner verstorbenen Eltern an die alten nordischen Götter, nicht als geeigneter Ehemann für die Tochter eines selbständigen Zimmermannes gilt. Bevor sie sich traut sich ihrem Vater oder ihrer besten Freundin seit Kindertagen, Alke, zu offenbaren, wird ihr bei einem gemeinsamen Essen mit Vater und Sohn Hofmann, ihr zukünftiger Ehemann, Velten Hofmann, vorgestellt. Velten stammt aus einer wohlhabeneren Familie aus Schleswig. Er gilt als Frauenschläger, nachdem seine vorherige Verlobung gelöst, seine damalige Verlobte vom Arzt versorgt werden musste und sie und ihre Familie, alles aufgegeben und den Ort verlassen haben. Trines Verlobung ist ohne Wissen arrangiert worden, völlig unverständlich für sie, da ihr Vater ihr immer die Möglichkeit einer Liebesheirat in Aussicht gestellt hatte. Innerhalb der nächsten 2 Wochen soll nach 2 Proklamationen am 3. Sonntag ihre Trauung in der St. Ansgar Kirche vollzogen werden. Nach dem ersten Schock versucht Trine nun alles die Hochzeit zu verhindern, wendet sich  als gläubige Katholikin vertrauensvoll an ihren Schöpfer, versucht ihren Vater umzustimmen, sucht Beistand bei ihrer Freundin, versucht die zukünftige Familie zu einer Vertragsauflösung zu überreden, offenbart sich in ihrer Verzweiflung ihrem Pfarrer. Nachdem irrdischer und christlicher Beistand ihr verwehrt wird, sie ihre große Liebe auf Erden verloren weiß, und sie zwangsverheiratet dem verhassten Mann, dessen Besitz sie nun ist, im Boot auf dem Brutsee gegenüber sitzt, wendet sie sich Rache suchend an die heidnischen Götter. Und Odin, der stets nach Weisheit strebende Göttervater und sein leidenschaftlich kämpfender Sohn Thor, erweisen sich als die verständnisvolleren Liebeshelfer.

Die Idee zu diesem Roman der Debütautorin Lucia S. Wiemer beruht auf die norddeutsche Sage um den sogenannten Brautsee bei Schleswig. In der Version von Karl Müllenhof liest sich das so:

„Ganz nahe bei Schleswig neben dem Wege nach Moldenit liegt ein kleiner schöner See, der Brutsee.
In alten Zeiten war er ganz von Wald umgeben und ein Dorf lag daran, das zu St. Jürgen in Schleswig
eingepfarrt war.
Hier wohnte einmal ein reicher Bauer, dessen schöne Tochter einen armen Knecht liebte und ihm Treue
gelobt hatte. Aber der Vater wollte sie einem reichen Hufner geben, und die Hochzeit ward auf den
Pfingsttag angesetzt. Zum letzten Male sahen sich am Abende vorher die Liebenden an dem großem Steine,
der noch am Ufer des Sees liegt.
Als nun am andern Morgen Braut und Bräutigam mit ihren Verwandten über den See zur Stadt fuhren,
ertönte plötzlich die Totenglocke, wie es bei uns Sitte ist, wenn einer gestorben ist.
Und in demselben Augenblick erhub sich ein gewaltiger Wirbelwind, das Boot schlug um und alle ertranken.
Die Leichen fand man bis auf die der Braut; sonst hätte man sie mit ihrem alten Liebsten begraben, dem
das Läuten gegolten hatte. Aber in der Pfingstnacht steigt nun ein wunderschönes Mädchen in prächtigen Kleidern
aus dem See, setzt sich auf jenen Stein und kämmt singend ihr langes goldnes Haar, bis der Morgen graut.
Dann verschwindet sie wieder im See, der nach ihr der Brutsee heißt.“
(http://www.alte-schleihalle.de/sage-vom-brautsee/)

Für meinen Geschmack und nur für den ein Roman mit zu flachen Figuren, ohne Entwicklung, dafür mit weder zeit- noch schichtenkonformen Verhaltensweisen, und ein phantasieloser Plot, der leider nur eine uninspirierte Aneinanderreihung von Ereignissen ist. Als da wären: schmettterlingsflattriges Verliebtsein, berghohe Hindernisse, ein mutiger aber siegloser Kampf der holden Jungfer gegen eben diese, sich tapfer ins ungerechte Schicksal fügen, grausame Rache durch mächtigere Wesen als die Heldin.

Dazu kommt, dass für die Geschichte relevante historische Ereignisse unerwähnt bleiben. Zum Beispiel, wenn sich Trine in ihrer Verzweiflung über die über ihren Kopf hinweg geschlossene Verlobung scheinbar alternativlos an den Vertretern ihrer katholischen Kirche in Schleswig wendet, und ich mich frage, ob sie oder die Autorin nicht wissen, dass Schleswig da schon protestantisch war?! Andere Themen hingegen wie die Auseinandersetzung zwischen Christentum und dem Glauben an die alten nordischen Götter, bekommen einen Stellenwert, der wohl nicht der Realität des 17. Jh. entsprach. Die verbliebenen Anhänger von Odin & Co. sind 500 Jahre nach der Christianisierung, wohl auch an der Schlei eher belächelt worden.

Am schlimmsten für mich aber ist, dass der Roman den Leser auch noch sprachlich ständig aus dem 17. Jh. wirft. Hier nur eine Aufzählung aus der Zeit gefallener Begriffe der ersten Seiten (Arbeitsstelle, Körperkontakt aufzubauen, Arrest gegeben, auflockerte, Frühdienst, ihre Beziehung andauern würde, Emotionale Ausnahmesituation..)

Jetzt muss man nicht gleich die literarischen Unterhalter wie Atwood oder Nothomb mit ihren Versionen des „Blaubart“ Stoffes als Maßstab für die Umsetzung einer solchen märchenhaften Vorlage hernehmen, warum eigentlich nicht?, aber auch ein Erstling sollte doch mehr wollen als die die Arbeitsaufgabe an einen Viertklässler im Sachkundeunterricht zum Thema Stadt- und Regionalgeschichte: Schreibe eine Geschichte zu einer Sage aus deiner Heimat.

Mir hat es auf jeden Fall nicht gereicht. Ich hatte leider Bauchweh mit Brautsee. Schade um die schöne Sage.

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