Von Lutefisk und dem absoluten Geschmack..

Der Mittlere Westen, also jene zwölf Bundesstaaten, deren Image ungefähr so aufregend ist wie das der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover ist die Titel gebende Region des Romans, der alles aber nicht langweilig ist. Die Weiten, besiedelt von Abkömmlingen Nordeuropas, die wir als wertkonservative Gesellen mit einer Vorliebe für Jagd und Kirchgang kennen.

Eine dieser Familien, die sich einst im südlichen Minnessota niederließ, ist die des Autors J. Ryan Stradal, der in seinem Erstling Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens all unsere Vorurteil bestätigt und sie doch auch Lügen straft.

In seiner Geschichte stolpern wir schon auf der ersten Seiten über einen Toten, den jungen Lars Thorwald, der wie jetzt sein skandinavischer Name vielleicht vermuten ließe, nicht in freier Natur, sondern auf den Treppenstufen zu seinem Apartment das zeitliche segnet. Jener hat sich in seiner Jugend durch sein außerordentliches Talent in der Zubereitung des norwegischen Nationalgerichts des „Lutefisk“ (getrockneter Kabeljau) hervorgetan, was ihm zwar die Achtung seiner Kirchengemeinde, deren Pastor sein Vater war, aber zum Gespött seiner Mitschüler. Geruch wie Ablehnung Gleichaltriger hafteten an ihm bis zum Ende seiner Schulzeit, so dass ihn trotz oder gerade wegen der vereinnahmenden Familienbande, nichts in seinem Geburtsort hielt.

Trotz dieser Erfahrung blieb er der Arbeit in der Küche treu, lernte dort auch die Mutter seiner zukünftigen Tochter Eva kennen, der eigentlichen Protagonistin des Romans. Diese verschwindet schon sehr schnell nach der Geburt der Tochter aus dem Leben der beiden, um ihre Karriere als Sommelierin voranzutreiben.

Thorwald geht ganz auf in seiner Vaterrolle, Wunderbar, wie Thorwald die zukünftige Karriere seiner Tochter als gehypte und hofierte Sterneköchin schon im Säuglingsalter befördert, als er generalstabsmäßig ihre kulinarische Frühentwicklung  plant und wirklich getroffen ist als der Kinderarzt gegen Schweinelende in Thymiansud interveniert.

Gut, dass der Gott der Gourmets ein Einsehen hat, und der Lebensmittel verrückte Vater dank einer Herzattacke beim Transport des verhassten Lutefisks nicht mehr erleben muss, wie  Evas Zieheltern das kleine Mädchen mit Junkfood füttern.

In den insgesamt 8 Kapiteln erfährt der Leser aus wechselnden, männlichen und weiblichen Perspektiven, ihrer Lebensbegleiter wie in den nächsten 30 Jahren die Kraft der Gene sich gegen jede soziologische Widrigkeit durchsetzt, wie aus der Waise Eva , die Frau mit dem absoluten Geschmack wird.

Von der einträglichen Chilizucht im Kleiderschrank für ein mexikanisches Restaurant, über die öffentliche Verspeisung von extra scharfen „Circle to Hell“ Chicken Wings gegen Wetteinsatz entspricht Eva dem Klischee des typischen Bewohners des Mittlerer Westen, der weiß, dass das Leben einen Einsatz fordert und Kämpfe zu schlagen sind.

Wie der Titel vielleicht  schon vermuten lässt, ist dies nicht nur Evas Geschichte, sondern auch ein kulinarisches Portrait der Namen gebenden Region, deren Geheimnisse, die von Mikrowellen Burritos, über ländliche Backwettbewerbe bis zum Eskapismus der Foodisten, die ihren Götzendienst in den Sternerestaurants dieser Welt versehen, reicht, hier nun gelüftet werden.

Ein wunderbar ironischer Roman mit skurilen Charakteren für Gerne-Esser und noch lieber Leser.

Ich danke dem Diogenes Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars.

Die Küche des Mittleren Westens, J. Ryan Stradal, Diogenes Verlag

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