Es war einmal eine schöne Jungfrau hold..

Im Augsburg kurz vor dem großen Krieg, als die Welt noch ihre Ordnung hatte, jene alte,  in der jedes Ding seinen, ihm von einer höheren Macht zugewiesenen, Platz hatte. Eine Zeit als eine feine Demarkationslinie oben von unten und Bedienstete von ihrer Herrschaft trennte. In der ehemaligen Fugger Heimat selbst schnitt diese das Jakobstor, benannt nach dem ruhmreiches Oberhaupt der bekannten Handelsfamilie und großzügigen Wohltäter an den Armen, unterschied zwischen der Unterstadt mit seinen engen und schmutzigen Gassen, wo  selbige lebten, und den parkähnlichen Anwesen weit draußen mit den Villen der neuen Reichen, der Fabrikbesitzer.

Der erste Band einer Triologie, der historische Roman Die Tuchvilla, von Anne Jacob lebt von diesen vereinfachenden Dichotomien. Arm und reich, lieblich und unansehnlich, gut und böse, neureiches Bürgertum und alter, verarmter Adel treffen hier in jener Villa des Tuchhändlers Melzer und seiner Gattin einer geborenen von Maydorn  aufeinander.

Einem Grimm’schen Märchenplot gleich kommt hier die schöne, gutherzige und fleißige Waise Marie nicht als Aschenputtel doch als Küchenmädchen in jenen Haushalt. Dort trifft sie auf all die unsichtbaren Rädchen, den Zimmermädchen, Gärtnern und der Köchin, die es erst ermöglichen, dass ein solches Haus seine Herrschaft mit Stolz erfüllen kann, und auf die unübersehbaren Galionsfiguren im Licht, die Dame des Hauses, deren ungleichen Töchter, die eine gewisse Ähnlichkeit mit den Maries bei Frau Holle haben, dazu kommt der meist abwesende Herrscher und natürlich der schöne Prinz.

Hier nähert dieser sich der jungfräulichen Protagonistin im Trend der Zeit auf keinem hohen Ross, sondern im schnittigen Automobil. Natürlich ist es Liebe auf den ersten Blick, auch wenn der durch eine Autoscheibe fiel. Durch Beharrlichkeit und ehrlich empfundener Liebe gegen alle Widrigkeiten, die das Schicksal für die Menschen auf beiden Seiten der Linie so bereit hält, gelingt es ihm das Herz der Prinzessin, die hier gar bis zur Kammerzofe aufsteigt, zu gewinnen.

Sicherlich ist diese Geschichte mit ihren über 800 Seiten als E-book weder besonders neu, noch besonders raffiniert konstruiert, die Charaktere gleichen Abziehbildchen, die Erzählorte, wie Ausmalbildchen gestalten, der Beschreibung fehlt das nötige Maß an Ironie, am Wortwitz seiner englischen Vorbilder, an denen es sich nun mal messen lassen muss.

Wen das alles nicht abschreckt, für den ist es sicherlich die richtige Lektüre zum Abtauchen in eine untergegangene Welt an kalten Wintertagen oder aber für eine sehr lange Bahnfahrt quer durch die Republik.

 

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Anne Jacobs, Die Tuchvilla, Blanvalet Verlag

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