Antiquam servabo fidem – Ich will die alte Treue bewahren

ist der Wappenspruch  der Familie von Heyking, Herren über das ostpreußischen Rittergut Truntlack, hätte aber sicher auch der Herrin über das Titel gebende Gut Altenstein gut gefallen.

Ostpreußen, Sehnsuchtsland. Jene ehemalige Provinz fern im östlichsten Zipfel des Deutschen Reiches, bevölkert von Trakehnern, Störchen und namenhaften adeligen Gutsfamilien, wie die zu Dohna, die Finckensteins und von Döhnhoffs. Die Gefolgsleute aus dem preußischen Stammlande sind nicht nur dem preußischen Kaiser ohne Preußen noch inniglich verbunden, sondern haben auch eine besondere Beziehung zum Literaturbetrieb unserer Tage, weil ihre mehr oder minder fiktionalen „Nachbilder“ gern gelesene Protagonisten, aber noch lieber Protagonistinnen, der bestverkauften Unterhaltungsromane sind.

Wunderschöne Landschaften, noch schönere Heldinnen, eine schreckliche Flucht, zwischendrin ganz viel Romantik.

Eine solche ist auch Agnes und doch ganz anders. Frisch verwitwet, von einehmender Schönheit, kraftvoll, aber auch selbstbezogen, eine manipulative Menschendompteuse. Als sie mit ihren Töchtern zur Sommerfrische ihre ätherisch anmutende Cousine und deren Mann, den Grafen Kuno von Kolberg besucht, nimmt sie sich ohne jeden Skrupel was sie will: deren Mann. Die angestammte Hausherrin, wenn auch Familie, muss das Feld räumen. Ihre wenig beachtete Tochter, Bobby, bleibt im Haus des Vaters und dient der Stiefmutter von nun an als treu ergebene, kritiklose Tochter.

Im Debutroman „Altenstein“ von Julie von Kessel bemüht jene adelige Mutter zur Selbstbeschreibung das Bild der blühenden Blume mit ihr selbst im Mittelpunkt und ihren zehn Kindern als sie umringende, sie schmückende Blüten.

Der Leser nähert sich der Familie durch den jüngsten Sohn Konrad, dessen Abreise die allwissende Erzählstimme im Prolog schildert und den Leser gleich gegen die herzlose Mutter aufbringt. Er verlässt als Kleinkind alleine, nur in Begleitung eines ihm unbekannten von Agnes wenige Tage zuvor angeworbenen jungen Mädchens in einem der letzten Personenzüge die ostpreußische Heimat. Agnes schickt ihn, trotz Durchhalteparolen der Nazis und Evakuierungsverbot für die Zivilbevölkerung, als die Soldaten der Roten Armee ab Oktober 1944 immer näher kommen, endlich auch gen Westen den älteren Kindern hinterher. Diese sind Monate zuvor nur unter Bobbys und der Aufsicht eines Kindermädchens mit einem der zahlreichen Wagentrecks auf die gefährliche Reise nach Brandenburg aufgebrochen.  Dort auf Gut Altenstein, dem Sommersitz der Familie, wollen sich alle wiedertreffen. Agnes selbst trotzt noch der Gefahr, will nicht aufgeben, folgt dann aber später mit nichts als dem Ölgemälde Kunos nach.

In Altenstein sind sie nicht die einzige Familie. Es gibt viele Kinder, sie sind sich oft selbst überlassen, weniger Personal ist im Haus, die Mütter beschäftigt, so dass Dinge geschehen können, die unbemerkt von den Erwachsenen, unvergessen für das Opfer bleiben werden.

Von Brandenburg zieht die Familie weiter in die Nähe von Bonn, wo sie gezwungenermaßen ein fast kleinbürgerliches Leben mit Selbstversorgung im heimischen Garten führt. Agnes, ein zweites Mal verwitwet, regiert ihre Kinder mit harter Hand, denn, wenn sie schon alles verloren haben, die adelige Geburt zeichnet sie aus, erhebt sie über andere. Der Titel und das Erbe sind aber auch eine Verpflichtung im Leben Besonderes zu leisten, es nicht einfach durch ein gewöhnliches Leben zu verschwenden. Nicht alle Kinder sind diesem Druck gewachsen.

So sehr mir gefällt wie die Autorin die Psychologie ihrer Figuren herausarbeitet, fehlt mir gerade in Bezug auf die „Großartigkeit per Geburt“ die politische Komponente. Ich finde nicht, dass die nationalsozialistische Ideologie, der über 70 % der Ostpreußen begeistert anhingen, die auch von den Adelsfamilien getragen wurde, völlig unerwähnt bleiben kann.

Die Geschichte dieser Familie wird in verschachtelten Rückblicken aus der Perspektive jener schmückender Blütenblätter erzählt, drei ihrer Kinder. Da ist Bobby, die Stieftochter, die Mamas Lebensplan brav befolgt hat. Die bohemienhafte Nona, Agnes Tochter aus erster Ehe, der als einziger die späte Abnabelung von der Mutter gelungen scheint, und das geliebtes Nesthäckchen Konrad, den die Erwartung der  Mutter, denen er sein Leben lang verzweifelt versucht gerecht zu werden, auffressen.

Der Leser begleitet die Kolberg Kinder durch die Traumata ihrer Kindheit, auf der Flucht, ohne ihre Mutter, beim Neuanfang im Westen, durch ihre Ehen, Scheidungen und Todesfälle. Doch die wirklich große Wende bringen die Ereignisse 1989. Aus dem Untergang der DDR soll eine Auferstehung zu alter Größe folgen, jetzt wo alles wieder möglich scheint. Konrad, der stolzeste der beiden jungen Kolberg Grafen, wittert die Chance das Gut der Vorväter im nun freien Brandenburg in den Schoß der Familie zurück zu holen. Nur ist die Begeisterung an diesem Unterfangen nicht bei allen Geschwistern gleich groß, ein Streit entbrennt, der alte Verletzungen an die Oberfläche spült.

Altensteins Plot ist vielschichtig, die Figuren lebendig gezeichnet, die Sprache sehr klar. Vor dem Hintergrund von 50 Jahren deutscher Geschichte erzählt von Kessel auf den ersten Blick, die Geschichte des verzweifelten Kampfes um das eigene Selbstverständnis einer adeligen Familie, deren Titel nur noch Schmuckwerk ist, aber auf den zweiten eine gewöhnliche Familiengeschichte und das macht dieses Buch so spannend. Denn in jeder Familie gibt es diese Kämpfe, um den Platz im Gefüge, gibt es alte, unverheilte Wunden, gibt es unausgesprochene Wahrheiten und in jeder Familie geht es um genug Liebe für alle.

Ich finde ein wirklich gelungenes Debut.

 

Ich bedanke mich beim Kindler Verlag für das Rezenzionsexemplar.

 

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