Atem holen…

Diese wundervoll leichte und doch gehaltvolle Sommernovelle „Die Badenden von Moritzburg“ hat die anregende Wirkung eines spritzigen Grauburgunders oder eines erfrischenden Bades in einem der unzähligen die Stadt umlagerten Teiche, so dass man eben noch die letzte der knapp hundert Seiten gelesen, schon das Allernötigste in die Reisetasche geworfen, sich aufmachen möchte zu neuen Ufern.

Der Autor, der Schriftsteller und Drehbuchautor, Ralf Günther, ist mit diesem im Kindler Verlag erschienen Büchlein mit dem nach Aufmerksamkeit heischenden magentafarbenen Einband und der Titel gebenden Kirchner Darstellung, nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise ins lange 19. Jahrhundert. Er entführt den Leser schon nach nur wenigen Seiten der Lektüre in die vor allem auch für Frauen stickige Welt des gründerzeitlichen Bürgertums. Eine Welt in der sie im doppelten Wortsinne in ein zu enges Korsett  gezwungen werden.

So ergeht es auch der Protagonist Clara Schimmelpfenninck, eine junge Frau im heiratsfähigen Alter, die sich 1910 ob ihrer regelmäßigen Anfälle von akuter Atemnot zur Kur in einem Sanatorium befindet. Dort werden derlei Leiden unter strengem Regime der Krankenschwestern mit veganer Kost und medizinischen Sonnenbädern mit regelmäßigen Wendeaufrufen, bekleidet nur in luftigen Hemdchen, damit auch jene Körperstellen gelüftet und beschienen werden, die sonst unter gesellschaftskonformen Verpackungslagen eingezwängt sind, den Kampf angesagt. Bei Clara, die sich dieser  Prozedur nun schon seit Wochen ergebnislos unterwirft, bis dahin ergebnislos.

Als ein junger Vertretungsarzt sie nach erster Anamnese zu einer modernen, für Clara gänzlich ungewöhnlichen, Therapie auf seine Couch einlädt, um sie im Sinne eines  Dr. Freud zu befragen, willigt sie, die gelangweilt vom immer gleichen Trott des Anstaltslebens fern des gesellschaftlichen Amusements ihrer Berliner Heimat ist, zögerlich, aber auch neugierig ein.

Clara, unbeschuht auf dem Sofa, bedacht sich nicht zu kompromitieren und einem fremden Mann zu viel Knöchel zu zeigen, berichtet Dr.Brandstetter, wie sie, die nach dem Tod der Mutter, als einzige Tochter, in deren Fussstapfen trat, dem Vater den Haushalt zu führen, beim ersten von ihr zu verantworteten Dinner ihren ersten Erstickungsanfall bekam.

Schon nach nur wenigen Sitzungen gelangt der hoch motivierte Freudianer zu einer ersten Diagnose, davon beflügelt, traut er sich vorsichtig seiner Patientin einen gegen alle gesellschaftliche Regeln über Schicklichkeit und Anstand verstoßenden Vorschlag zu unterbreiten, um weitere Therapieerfolge zu generieren, den Gesprächsort ins zwei Stunden entfernte Städtchen Moritzburg zu verlegen. Clara, schockiert und um ihren Ruf  besorgt, stellt klar, dass es dabei nur um die Heilung ihrer Atemnot gehen darf, und willigt freudig erregt in das Abenteuer ein.

Bevor Dr. Brandstetter in der Pension mit dem Namen „Sorgenlos“ eintrifft, entledigt sich Clara, die schon auf der Fahrt trotz Lokomotivqualms wieder befreit durchatmen kann, bei einem Spaziergang im morastigen Schlick erst ihre Schuhe, und trifft so befreit auf die nackten Mitglieder der Künstlergruppe Die Brücke. Sie verbringt die nächsten Stunden mit Kirchner, Pechstein und Heckel und ihren Musen, bestaunt ihre Kunst, schaut für kurze Zeit mit ihrem Blick auf die Welt, auf Traditionen, auf Moral und Anstand und auf sich Selbst. Lauscht Kirchners Ausführungen: „Malen muss eine Befreiung sein. So wie uns die Kleidung zwickt und zwackt, so wie dein Korsett dir fast den Atem nimmt, ist der Rahmen eine Beschränkung des Künstlers… Wahre Kunst befreit sich.“ Letztendlich wirft sie in der Sturmnacht allen Ballast ab, löst die Knoten, dann aber, und das ist der Teil der Geschichte, der mir besonders gut gefällt, folgt sie nicht einfach dem neuen Propheten, sondern geht, unbeschuht ihren eigenen Weg.

Günther gelingt es mit dieser wunderbaren unterhaltsamen, kleinen Geschichte auf sehr dichtem Erzählraum und -zeit, ein expressives Sittengemälde der bürgerliche Gesellschaft zu malen, einem Auslaufmodel, das technologisch und ökonomisch das lange 19. Jh. Jahrhundert schon hinter sich gelassen hat, sich aber noch an die auch  stützenden und schützenden Moralvorstellungen klammert.

Demgegenüber die Konventionen sprengende Gruppierungen, die das moralische Korsett mit Wonne sprengten, ihren Zeitgenossen voraus marschierten, nicht nur als künstlerische Avant-garde, ihnen manchmal auf schockierende Art aufzeigten, was für ein Leben noch möglich ist und sie damit schlussendlich beeinflussten.

 

Ich danke dem Kindler Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplar.

 

 

 

 

 

 

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