Ein Hoch auf uns oder die Apotheose des Augenblicks..

Jung, ledig, lesbisch sucht… je nach Tagesform: Sex, Drugs & überhaupt den Rock’n & Roll des Lebens, oder aber die Poesie der Hohen Minne. Denn..

„Der einzige Weg, der Mühsal des Lebens zu begegnen, ist Hedonismus, der von Herzen kommt. Nur echte Sinnlichkeit schafft Freude und diejenigen, die wissen, wo sie zu finden ist, haben eine Chance auf Glück, auch wenn es so flüchtig ist wie die Zeilen eines Gebets.“

Kluges Mädchen, die fast 28-Jährige Protagonistin, Berlinerin, und damit mit „Hip-ismus qua Geburt“ ausgestattet,  am Busen, gut gemachte Toyboybojen, einer auch monetär erfolgreichen „in irgendwas mit Immobilien“- Karrierefrau von Mikrowellenkost genährt. Sozialisiert in einem Kinderzimmer mit Blick auf die ewige Schlafstatt Dahingeschiedener, was dann in ein Studium, natürlich an einer dieser Konform-Ästheten ansprechenden Unis, der Vor- und Frühgeschichte mündet, in dem man die Knochen längst Verstorbener aus der Erde pult, um sie dann in Plastik eingehüllt und in Kisten verstaut ins Kellerregal zu stellen.

Wenn die namenlose Ich-Erzählerin mit einer „sensitive“ Zahnbürste hingebungsvoll Kloakenreste schrubbt, sinniert sie, intellektuell stimuliert durch Orvid’sche Flirtratgebung oder Senecas Anmach-Alphabet, über die geeignete Taktik zur Verführung der Anbetungswürdigsten unter den anbetungswürdigen Frauen seit Helena von Troja, über ihre Kommilitonin, die schöne Helene nach, die nicht nur so verflucht hetero wie auch noch alle Vorabendserien Studentinnenklischee erfüllend ein Verhältnis mit dem verheirateten Uni-Dekan hat.

„Sollte ich jemals die Archäologin in mir überwinden und einen Roman schreiben, wird mein Debüt eine feurige Minne für Helene.“

Und so ist es. Alles in allem erzählt der Roman ein paar Tage im Leben der Minnesängerin. Ein bisschen Klatsch und Tratsch über das WG Leben mit ihren zwei Mitbewohnern, ein schwuler Modedesign Student und eine beste Freundin, die zweite Klischee-Hete, diese ganz spießig gesegnet mit einem Freund mit „shades of grey“- Ambitionen. Dazu kommen regelmäßige Beziehungsgespräche über potentielle Samenspender mit Anika, der nach Langzeitbeziehung nunmehr Unbegehrten mit tickender Gebärmutter. Zum Vergessen ein bisschen Baggern, Graben und mehr in „lonely planet“- würdigen Berliner Szenebars und ihren Unisex-Toiletten. Dazwischen der Campus, mit seinen Sehnsuchtsorten für potentielle Begegnung mit „der Einen“ oder wenigstens ein paar ablenkende Schmachtblicke für sexy Ersamusstudentinnen, peinliche Motto-Geburtstagsparties und Stories über verlorene Berliner Hunde, denn der Bär war gestern…

Dies und Das, Irrungen und Wirrungen, natürlich eher handlungsarm, die Apotheose des Augenblicks…das Leben halt.

Netterweise liefert der Debutroman Metro Folklore   der Berliner Autorin Patricia Hempel, Jahrgang 1983 , die nach einem Ur- und Frühgeschichtsstudium am „place to be“, der europäischen Metropole schlechthn, zur Poesie, genauer zum Schreiben Lernen in die Provinz, nach Hildesheim, findet, Inhalts- und Figurenanalyse dem Leser gleich mit.

 „Sie erzählt von einem belanglosen Roman, den sie gerade schreibt, in dem es viel um Sex und Drogen geht. Die Hauptfigur ist ein Versager, der von einer Krise in die nächste rennt. Klingt nach einer dieser Trash-Pop-Storys, von denen es genug gibt, aber ich bekunde: Toll, würde ich kaufen!“

Popliteratur wie aus dem Lehrbuch. Das gekonnte Archivieren von Belanglosigkeiten (M. Baßler), die unser Leben nun mal ausmachen. Die Wiederholung bekannter Begrifflichkeiten, Konsumgüter Name-dropping, Floskeln und Gedankenschnipsel aus dem Pool gemeinsamer Erinnerung. Ein Hoch auf uns. Nicht allen gemein, natürlich, aber der Masse des Populus. Sicher nicht unbedingt im Gedächtnis meiner Großmutter, die würde nicht zwingend wissend nicken, wenn die Heldin sich über modische Hochs und Tiefs von Chucks ausläßt, ironisches Lob in Form imaginärer Photoübergaben ließen ihr Fragezeichen in ihr altersweises Gesicht geschrieben stehen. Dass es den korrekten Ort und die korrekte Anzahl von Haarnadeln, die doch eigentlich pins heißen, für einen Metropolen-Dutt gibt, wäre jenseits ihrer Vorstellungskraft. Von hashtag Listen, porn-tube Titeln und anderen Spielereien im Fließtext mal ganz abgesehen.

Hier geht es nicht, um eine Befindlichkeitsanalyse. Es ist, was es ist. Keine Jagd nach verborgene Bedeutung ist notwendig, keine Tiefenbohrungen gefragt. Eine Milleustudie, die deshalb so treffend ist, weil die Autorin einfach nur Draufhält, keine aufgesetzte Dramaturgie, keinen Spannungsbogen konzipiert. Das alles ist kein Defizit, sondern der Mehrwert dieses Romans.

 

 

Patricia Hempel: Metrofolklore. Tropen Verlag. ISBN: 978-3-608-50381-4

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