Die Memoiren eines Überlebenden

denn die emotionale  Tour de Force, die der Autor Arno Frank sein literarisches Alter Ego in seinem Roman „So, und jetzt kommst du“ schildern lässt, hätte ein weniger resilientes Kind möglicherweise nicht überstanden, um es erwachsen und dem entwachsen dann 30 Jahre später aufzuschreiben.

Arno Frank, Jahrgang 1971, erfolgreicher Kulturjournalist, erzählt in seinem Debut, wenn auch fiktional bearbeitet, eine Episode aus seiner Kindheit. Eine Kindheit so fern eines „Familie Beimer“-Glücks, so weit entfernt von „Miraccoli“-Glücksseligkeit, wie man sich das nicht freiwillig vorstellen mag und doch gibt es auch diese.

Es erzählt die Geschichte eines Mannes aufgewachsen im bürgerlichenWohlstand nach dem Krieg. Eine Geschichte von Vater, Mutter, Kind. Die Geschichte seines Vaters.

Als Junge verheißt eine Wahrsagerin in einem französischen Wanderzirkus dem Vater Reichtum, so beginnt der stets seine zukünftige Erfolgsgeschichte. Nicht zu früh im Leben, für ihn anstrengungslos, einfach so. Diese Prophezeiung bestimmt von nun an seine Gedanken: irgendwann wird er reich sein. Seit dem scheint er auf diesen Tag zu warten. Quält sich nicht fürs Abitur, denn er der eh klüger ist als die anderen, braucht es nicht, er wird reich sein. Fügt sich zwar dem Druck der Eltern einer Ausbildung. Verwaltungsfachangestellter in der deutschen Provinz, doch dies kann nur der erste Schritt zu etwas viel Höherem sein, zu dem er sich und das Schicksal selbst ihn doch berufen sahen. Er weiß doch, Fortuna warte schon hinter der nächste Ecke.

Dieser junge Mann, Jürgen Frank, heiratet eine junge Frau, die an ihn und sein Schicksal glaubt. Sie wird nicht nur die Frau an seiner Seite, sondern die Frau, die Rücken an Rücken bedingungslos zu ihm steht. Die beiden werden Eltern. Die Eltern von Arno Frank und seinen zwei jüngeren Geschwistern.

Und Arnos Vater lebt seinen Traum eines Tages reich zu sein, hilft dem auch gerne etwas nach. Wie er das macht, hat nichts gemein mit dem Charme eines Hochstaplers à la Felix Krull, Mr. Ripley oder Frank William Abagnale Junior. Stapeln kommt aus dem Rottwelsch und bedeutet betteln, etwas, was Jürgen so gar nicht einfiele. Das tun nur die Schwachen, die Dummen, nicht er.

Ob er nun beim Gebrauchtwagenverkauf den Unfallschaden unterschlägt, auf Pump erstandene „do-it-yourself“- Kübelwagen Bausätze plus Naz-Devotionalien als Goodie Ewiggestrigen anpreist, im Cardin Anzug im Spielcasino das ultimative System beim Roulette spielt, oder aber 300.000 DM unterschlägt. Sein Tun hat nichts Sympatisches, auch nicht für die Leser.

Er lebt ohne jede Rücksicht auf Verluste. Und die gibt es en masse: Job, Haus, Heimat, Freunde, Familie, gefüllte Mägen und vor allem das Vertrauen und wohl auch die Liebe seiner Kinder. Alles verliert sich. Seine Sicht gilt ihm.

In 40 aufwühlenden, athmosphärisch dichten Kapiteln, den jeweiligen Aufenthaltsorten zugeordnet, erzählt der kleine, dickliche Junge von der Flucht seiner Familie erst aus dem Eigenheim neben der Oma und bald quer durch Europa. Der Vater hetzt seine Familie von Kaiserslautern an die Côte d’Azur, weiter nach Lissabon, zurück über Paris und Kaiserslautern und weiter in die Nähe von München, immer in Angst vor Entdeckung. Irgendwann auch mit der Angst die er auf seinem Dierke Weltatlas verfolgt, um sich selbst noch verorten zu können. Es gelingt Frank den Leser auch an der emotionalen Achterbahnfahrt teilhaben zu lassen, die immer mehr Fahrt aufnimmt, so dass dem Leser ganz schlecht wird, und er nur noch hofft, jemand möge diesem Irrsinn ein Ende machen.

„So, und jetzt kommst du“ folgt stets den aberwitzigsten, pseudo-klugen Erklärungen à la „Jürgen und wie er die Welt sieht“, die nur so aussehen, als wollten sie den Kommunikationsstab an den Sohn weiterreichen. Eigentlich geht es ihm nur um stumme Bestätigung, um Streicheleinheiten für sein Ego, um sich selbst. Als die Kinder ihn mehr und mehr durchschauen, sein Handeln in Frage stellen, ihm gar widersprechen, wird aus dem Aufschneider, aus dem Betrüger und Dieb ein brutaler Schläger.

Diese Szenen, überhaupt viele Szenen waren nur schwer zu ertragen. Frank fängt das Grauen im Kleinen wie im Großen mit ausdrucksstarken Bildern ein und findet selbst für die stummen Nichthandlungen, für das kleisterhafte Warten auf Erlösung zarte Worte mit der Wucht eines Wassertropfens.

Der Spuk ist vorbei etwa mit Ausbruch von Tschernobyl 1986. Arno ist zurück in der Nähe von Kaiserslautern, auf einem Gymnasium mit Blick auf den Gefängnishof seines Vaters, der die Familie verlässt.

Er hat überlebt, um welchen Preis kann der Leser nur ahnen.

 

 

Arno Frank. So, und jetzt kommst du. Tropen Verlag/ Klett-Cotta. Stuttgart 2017. ISBN 978-3-608-50369-2

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