Bangemachen gilt nicht

Annika, die Ich-Erzählerin in Kristina Pfisters Debut „Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten„, Mitte 20, Kulturwissenschaftlerin, ist eine vor Erfurcht vor der richtigen Art zu leben, erstarrte Beobachterin des Lebens der Anderen.

Sie beobachtet täglich durch das Fenster ihres kleinen, genormten Apartments Marie- Louise. Das Mädchen von der anderen Seite, in dieser gesichtslosen Bungalowanlage, in einer unwichtigen, namenlosen Stadt, weil sie nur Heimat auf Zeit ist, für die nächsten drei Monate, für eine weitere Möglichkeit in unzähligen, unterbezahlte Stunden Arbeitspraxis für den Lebenslauf anzuhäufeln wie Kartoffeln.

Wie in einem dieser skandinavischen Avangardefilme mit nur einer Kameraeinstellung ist dieses rechteckige Fenster die Leinwand für den Film und im geöffneten Zustand ist der dann sogar mit einer Tonspur versehen. Annika lauscht so dem Lachen der zahlreichen Besucher, dem klirren der aneinander geschlagenen Bierflaschen, der bekannten, in die Nacht wabernde Musik, sie schnappt Abschiedsgrüße von der Straße nach oben ans andere Fenster auf, bestaunt in sternenloser Nacht glitzernde Ohrringe und bewundert perfekt oval geformte Rauchringe, die nur wenige Meter Luftlinie von ihr entfernt den fremden Frauenmund verlassen.

Während sie allein und einsam fühlt und ihr einziger Austausch die Telefonate mit ihrer Mutter sind, haben alle anderen ein Leben. Eins, das es wert ist, mit dem richtigen Filter versehen, in die Welt geschickt zu werden, um Belohnung in Herzchenform zu generieren, eines zu dem es sich lohnt Excerpte auf maximal 140 Zeichen eingestampft zu geben oder aber wenigstens die algorithmisch generierte Frage „Wo bist du?“ mit einer exotisch klingenden Ortsbezeichnung zu beantworten.

Da steht eines Abends Marie-Louise schon leicht betrunken vor ihrer Tür und nun kommt erstmals Bewegung in Annikas Leben. Marie-Louise ist die Antagonisten wie man sie nicht besser hätte erfinden können. Sie wartet nicht lange, sie klopft an Türen und wenn nicht gleich geöffnet wird, klopft sie auch mal heftiger. Sie folgt keinem Plan, weil man das so tut, sondern tut jetzt, was sie will und morgen will sie vielleicht schon wieder etwas Anderes.

Jetzt will sie erst einmal nach London sich einen Job suchen. Da Annika die Abschiedsparty verschläft, holt Marie-Louise sie höchst selbst zur Feier nach der Feier in ihr Apartment, der Sehnsuchtsort, wo das wahre Leben ist. Während dieser Nacht mit den kulinarischen Überbleibseln, viel Wodka, ein paar Salzstangen und löffelweise Schokopudding, in der Marie-Louise viel erzählt und Annika mehr schweigt, klettern die beiden einem spontanen Einfall folgend aufs Hausdach und ohne jede Vorwarnung übt Annika das Loslassen. Sie springt vom Dach in die nicht zu tiefe Tiefe. Was sie mit ein paar Abschürfungen und einem kaputten Knie erst einmal zurück auf Mamas  Sofa  bringt.

Dort leckt sie sich ihre Wunder, igelt sich ungeduscht, mit fettigem Haar und in olfaktorisch bedenklicher Jogginghose antriebslos auf dem Sofa, mit dessen Muster sie phantasiert zu verschmelzen, ein. In die Polster gedrückt von der Wackerstein schweren Last in ihrem Bauch. Der erste Elan dem ungeliebten Praktikum entkommen zu sein, reicht nur noch für den Griff zum Joystick, um den High-score der Ballerspiele ihres jüngeren Bruders zu knacken.

Eine der Stärken der Autorin ist, dass sie sich der bleiernden Lethargie wie auch dem Getriebensein der beiden Frauen mit der gleichen sprachlichen Hingabe widmet, und so die Emotionen spürbar zu machen.

Zwei Wochen später treffen Annika und Marie-Louise im kleinstädtischen Krankenhaus ihrer Heimatstadt erneut aufeinander. Die eine lässt dort ihr Knie behandeln, die andere sitzt am Sterbebett der Urgroßmutter und faltet den Titel gebenden Origami Dinosaurier, denn für so ‚was Komplizertes gibt’s Anleitungen. Angesicht der Endlichkeit erstellen die beide eine Art bucket-list und beschließen all die Dinge, die sie schon immer mal, oder schon lange ncht mehr in den nächsten Tagen abzuarbeiten. Kitschig, ja, aber auch ein erster Schritt, um eigene Wünsche wertfrei zu formulieren. Auch wenn es Anika jetzt von der Couch schafft. Bewegung im Wortsinne in sie kommt, sie zu Fuß auf Konzerte geht, sie im nahen Baggersee schwimmt, Stifter tut nicht so, als sei jetzt endlich alles wieder gut.

Annika erkennt, dass auch die bewunderte, umtriebige Freundin, die einer Schlange gleich, sich ein ums andere Mal häutet, eine Methapher, die Pfister wirklich etwas überstrapaziert, sich immer wieder neu erfindet, die selben Fragen ans Leben hat.

Wer bin ich? Wer will ich sein? Wo ist mein Platz im Leben?

Mir gefällt, dass die Autorin darauf keine Antworten gibt, sie keine Bauanleitung für das eine richtige Leben anreicht. Es gibt unendliche viele Möglichkeiten, das kann auch beängstigend sein, doch Bangemachen gilt nicht.

 

Kristina Pfister: Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten. Tropen, Stuttgart 2017. ISBN  978-3-608-50159-9

 

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