Reflexionen über ein beschädigtes Leben

Klappentext:

Ein Wunsch, den Martin seinem Großvater Franz nicht abschlagen konnte: eine letzte große Reise unternehmen, nach Amerika, an die Orte, die Franz seit seiner Gefangenschaft 1944 nicht mehr gesehen hatte. Martin lässt sich auf dieses Abenteuer ein, obwohl er den Großvater eigentlich nur aus den bitteren Geschichten seiner Mutter kennt. Unter der sengenden texanischen Sonne, zwischen den Ruinen der Barackenlager, durch die Begegnung mit den Zeugen der Vergangenheit, werden in dem alten Mann die Kriegsjahre und die Zeit danach wieder lebendig. Und endlich findet er Worte für das, was sein Leben damals für immer verändert hatte. Mit jeder Erinnerung, mit jedem Gespräch kommt Martin seinem Großvater näher, und langsam beginnt er die Brüche zu begreifen, die sich durch seine Familie ziehen. Er erkennt, wie sehr die Vergangenheit auch sein Leben geprägt hat und sieht seine eigene familiäre Situation in einem neuen Licht.

Ein vielschichtiger Generationsroman über die tiefen Spuren, die der Krieg bis heute in vielen Familien hinterlassen hat.

 

Einer der bekanntesten Aussprüche des großen deutschen Philosophen der Nachkriegszeit Theodor W. Adorno aus der Minima Moralia „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ lautet:

Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Gemeint ist, auch wenn ein im Ganzen richtiges Leben unmöglich ist, so ist es wichtig das Streben danach nicht aufzugeben. Immer wieder überlegte Adorno, wie es am besten wäre, sich in schwieriger Lage zu verhalten.

Demnach könnte man Martins Großvater als Musterschüler Adornos verstehen. Als junger Bergmann aus dem Ruhrgebiet, der noch äußerst euphorisch, ob eines schnellen Sieges in Hitlers Krieg gezogen ist, an der normannisches Küste durch die amerikanische Armee gefangen genommen und mit vielen anderen deutschen und italienischen Kriegsgefangenen über den Atlantik nach Amerika verschifft wurde, lernt er an Bord Paul kennen. Ein zweisprachiger Deutsch-Amerikaner aus dem mittleren Westen, dessen Familie einst in die Freiheit auswanderte, die Paul zu Beginn des Krieges selbst völlig verblendet, mit Füßen trat, um als Deutscher gegen den ausdrücklichen Willen seiner Familie, in Hitlers Armee an der Ostfront zu kämpfen. Schnell lehrt in die dort erfahrene Unmenschlichkeit wie fehlgeleitet er war, wie verkehrt sein Entschluss. Er sieht in der Gefangennahme eine persönliche Verpflichtung und Chance seine für ihn erdrückende moralische Schuld abzutragen. Die Bedingungen im Gefangenenlager in Texas, in das die Gefangenen von New York mit Zügen gebracht werden, in dem die Gefangenen besser versorgt, und von den US-Amerikanern menschlicher behandelt werden als in ihrer eigenen Armee, und Pauls Einfluss, der zu einem Freund, Englischlehrer und Vorbild für Franz wird, führen dazu, dass auch Franz an den Ideen, die das 1000-jährigen Reich tragen, zu zweifeln beginnt.

Die sehr detaillierten Schilderungen Köhlers, selbst Jahrgang 1982, der formellen und informellen Strukturen des Lagerlebens, sind so leichthin erzählt, so spannend für den Leser, kommen ohne jeden pädagogischen Habitus aus, dass man ihnen nicht anmerkt, mit wie viel Anstrengungen und Akribie der Autor seine Recherche auch vor Ort betrieben hat.

Es kommt im Lager zu einem grausamen Übergriff der Hitlergetreuen, die alles dafür tun, auch in der Gefangenschaft das internalisierte Wertesystem des Führers durchzusetzen, gegenüber einem „Verräter“. Franz lässt sich noch in der selben Nacht aus Selbstschutz von den Amerikanern verhaften und wenige Tage später in ein anderes Lager verlegen. Dort arbeitet er, wie zuvor Paul in Texas, als Übersetzer für einen amerikanischen Führungssoldaten, zu dem er ein fast freundschaftliches Verhältnis pflegt und der ihm ermöglicht mit Pauls Schwester, einer angehenden College Studentin Briefkontakt zu pflegen.

Franz erlebt das Ende des Krieges bei den Amerikanern, die ihm dem ehemaligen Kriegsgegner auch eine Tätigkeit für die britischen Besatzer in Deutschland vermitteln.

Seine Erinnerungen schließt Franz ein, wie so viele Soldaten, und doch ist sie nicht nur Teil seiner persönlichen Geschichte, sondern auch die seiner Tochter, zu der er über Jahre ein sehr schwieriges Verhältnis hat, und seines Enkelsohnes, mit dem er mehr zufällig diese gemeinsame Reise in die Vergangenheit antritt. Für seine Familie ist Franz, der glühende Verteidiger der einstigen Befreier, der Demokratiebringer, die Kriegserlebnisse werden zusammengeschrumpft auf Anekdotenpotential für Geburtstagsrunden, die nichts mit der Wahrheit zu tun haben, aber auch keinem wehtun. Vielleicht mit der Zeit noch nicht einmal ihm selbst.

Köhler gelingt es ausgesprochen einfühlsam, diese zwei spannenden Themen, die zum Teil heute noch museal betreuten Kriegsgefangenenlager für Soldaten des WK II in den USA, und den generationsübergreifenden Einfluss von unterdrückter Erinnerung miteinander zu verbinden. Mich lässt er berührt und nachdenklich zurück.

 

Hannes Köhler: Ein mögliches Leben. Ullstein Verlag. Febr. 2018

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