Wiedersehen in Ontario..

Manchmal tue ich, die zu diesen unerträglichen Menschen gehört, die gerne eine Meinung haben und noch viel „gerner“ mit selbiger die Welt beglücken, mich furchtbar schwer ein gelesenes Buch zu rezensieren.

Dann dauert das Schreiben oft länger als das Lesen auch des kürzesten Buches selbst. Ich beginne, verwerfe, finde keinen roten Faden, weiß nicht Recht wie ich sagen soll, was ich sagen will, weiß gar nicht, was ich will oder meine, verwerfe, lösche, sammle Material zum Autor und Thema, suche einen Aufhänger, ordne meine Gedanken neu, um dann doch nur wieder alles in den Zwischenspeicher zu schieben. So ging es mir auch mit diesem Roman alias Grace von Margret Atwood.

Vielleicht liegt das in diesem Fall daran, dass  alias Grace nach langer, langer Zeit der erste Atwood ist, den ich gelesen habe. In meiner Jugend haben mich die Romane der kanadischen Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von 2017, einer sehr politischeren Ehrungen unter den Literaturpreisen, für die, die einen moralischen Kompass haben und öffentlich Haltung zeigen, stark beeindruckt. Sie gehört zu den Autoren, für die mein Herz so sehr brannte, dass der Kauf früher erschienener Werke und Neuerscheinungen automatisch erfolgte, dass es außer Frage für mich stand, dass mir ein Roman nicht gefallen könnte. Irgendwann war dieses Fantum dann zu Ende. Es war kein bewusster Abschied, ich erinnere mich auch an keinen bestimmten Grund. Ich kann nur sagen: Ich war jung, sehr jung, da ist Treue, auch literarische, nicht immer für die Ewigkeit angelegt.

Nun also dieser historische Roman, der im 19. Jahrhundert hauptsächlich in Kanada spielt, aufgeteilt in 15 Abschnitte jeweils nach einem bekannten Quiltmuster benannt, über das Leben jener, titelgebenden, historischen Figur Grace Mark. Als junges Mädchen ist sie mit ihrer kinderreichen Familie Anfang der 1840ern vor der Armut, dem Hunger und dem Alkoholismus des Vaters für einen Neuanfang von Irland über den Atlantik nach Kanada geflohen. Nachdem die Mutter während der Überfahrt stirbt, muss Grace von nun an ihre Pflichten übernehmen. Als 13-Jährige „verkauft“ der Vater sie als Spülmädchen in einen bürgerlichen Haushalt nach Toronto. Nur drei Jahre später wird sie als Magd wegen Mordes und Beihilfe zum Mord an ihrem wohlhabenden Arbeitgeber Thomas Kinnear und seiner in der ländlichen Gemeinde als Haushälterin getarnten Geliebten Nancy Montgomery 1843 zu lebenslanger Haft verurteilt. Wobei die Frage ihrer Schuld oder Unschuld nachweislich immer wieder auch nach der Urteilsverkündung öffentlich diskutiert wurde. Ein Fall, der aufgrund der besonderen Umstände, der Brutalität bei der Durchführung und der Tatbeteiligung eines jungen, hübschen Mädchens in die kanadische Geschichte eingeht.

Atwood benutzt die von ihr akribisch recherchierten widersprüchlichen Quellen wie Gerichtsakten, Zeugenaussagen, Beschreibungen der Sitzungen und der Angeklagten als Gerüst, um daraus einen wundervoll altmodischen Roman, im Stil des 19. Jahrhunderts zu schneidern. Ein viktorianischer Schinken, langatmig und fesselnd zugleich, mit deutlich ausschlagenden moralischem Kompass. Dazu finden sich zahlreiche Elemente der  Southern Ontario Gothic in ihm wieder. Der Begriff wurde erstmals in Graeme Gibsons Eleven Canadian Novelists (1972) verwendet und bezeichnet ein geographisch im ländlichen Süden der Provinz Ontario, im Osten Kanadas, an der Grenze zur USA, verortetes Subgenre des Gothic-Roman-Genres, welches traditionell die Rolle des Bösen in der menschlichen Seele untersucht und dazu dunkle, beängstigende Bilder heraufbeschwört, hinzukommen übernatürliche oder magisch-realistische Elemente. Die Southern Ontario Gothic kritisiert soziale Bedingungen in der Region, wie z.B. Rasse, Geschlecht, Religion und Politik. Typisch ist die strenge protestantische Moral, die dort das Leben der Kleinstädter prägt, die sich heuchlerisch gegen all die Menschen richtet, die diesen moralischen Ansprüchen nicht genügen, oder genügen wollen, deren Handlungen nicht regelkonform sind. Gerne bedient sch das Genre einer Form von Geisteskrankheit als Attribut eines oder mehrerer Charaktere. Viele dieser Elemente finden sich in alias Grace wieder, die zu Recht diesem Genre zugerechnet werden kann.

Atwood widmet sich vordergründig der Frage nach Schuld oder Unschuld der verurteilten Mörderin und bedient sich dabei der Figur des jungen, aufstrebenden Nervenarztes Dr. Simon Jordan aus Massachusetts, USA Doch mehr noch geht es ihr um die Frage der Schuldfähigkeit junger Frauen, an denen die Gesellschaft sich schuldig gemacht hat.

Dr. Jordan durch das Erbe seines Vaters mit einer gewissen finanziellen Unabhängigkeit ausgestattet, um sein Interesse an der Erforschung von Geisteskrankheiten ernsthaft verfolgen zu können, hat er zuvor verschiedene europäische Vordenker auf diesem Gebiet besucht und dabei Inspiration für die Errichtung einer von ihm geführten Nervenheilanstalt erhalten. Er hat sich eine gewisse Reputation geschaffen, und ausgestattet mit einer Empfehlung, hat ein christliches Komitee, das beseelt von der Überzeugung eine unschuldigen Seele zu retten, sich mit Verve, aber bis jetzt nach 15 Jahren immer noch erfolglos, für die Begnadigung der Delinquentin bei der kanadischen Regierung einsetzt, ihn als Gutachter bestellt.

In täglichen Interviews, wir würden es heute als Gesprächstherapie bezeichnen, geführt im Handarbeitszimmer im Haus des Gefängnisdirektors, in dessen Haushalt Grace als Freigängerin tagsüber arbeitet, versucht der hoch motivierte junge Arzt der Diskrepanz zwischen Grace Geständniss vor Gericht die Tat gemeinschaftlich mit dem Knecht Kennears und ihrem vermeintlichen Liebhaber James McDermott begangen zu haben, und ihren späteren Aussagen sich an den Tag und ihre Beteiligung an den Taten nicht mehr erinnern zu können, zu ergründen. Dr. Jordan vermutet die Ursache dafür, ganz Vertreter der Wiener Schule, in ihrer Kindheit und bedrängt sie sich zu öffnen.

Diese regelmäßigen Treffen sind für beide aus den unterschiedlichsten Gründen wichtig. Für die Eine, weil sie ihr die Freiheit, an die sie schon nicht mehr glaubt, in Aussicht stellen, aber ihr auch eine ungewohnte Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ihr die einmalige Möglichkeit gegeben wird sich selbst dazustellen und als Angehörige einer unbeachteten Berufsgruppe und eines ungehörten Geschlechts gesehen zu werden, also ihr, der Machtlosen, Macht geben.                                                                                               Für den Anderen, weil er die Macht hat mit seinem Gutachten über ihre Freiheit mitzuentscheiden, aber sie ihm auch die Möglichkeit geben, sich mit der erfolgreichen Anwendungen der neuen psychologischen Theorien eine berufliche Zukunft aufzubauen. Ihm die Möglichkeit gegeben wird, sich unabhängig von den Einmischungsversuchen seiner Mutter zu machen und aus dem Schatten seines Vaters zu treten, also ihm, dem Freien, wahre Freiheit ermöglichen.

Dieses Ringen der beiden Figuren um die Wahrheit ist, der Dramatik eines Flamencos ähnlich, und in seinem Kammerspielcharakter ganz wunderbar konstruiert von Atwood. Der Leser erfährt abwechselnd von Grace und einem Dritte-Person-Erzähler über die Vergangenheit und Gegenwart der beiden Figuren, wobei Grace Stimme, ihr Vermögen ihre für Dr. Jordan wie den Leser fremde Welt zu beschreiben, von einer unerwarteten Poesie ist.

„Die Hemden und die Nachthemden, die an einem sonnigen Tag in der Brise flatterten, waren wie große weiße Vögel oder Engel, die sich freuten, obwohl sie keine Köpfe hatten. Aber als wir die selben Dinge drinnen aufhoben, im grauen Zwielicht des Trockenraums, sahen sie anders aus, wie bleiche Geister von sich selbst, die dort in der Finsternis schwebten und schimmerten.“

In der Darstellung dieses viktorianischen Kosmos zeigt Atwood auf über 600 Seiten ihre Leidenschaft sich einem Thema voll und ganz zu widmen. Der Leser erfährt etwas über die esoterischen Anwandlungen des gelangweilten, meist weiblichen Bürgertums, die sich mit Bibelstunde und spiritistischen Sitzungen die Zeit vertreiben, wenn sie nicht gerade gemeinsam an einem Hochzeitsquilt  nähen, wird über die Kluft zwischen Theologie und Wissenschaft aufgeklärt, insbesondere die Auswüchse der noch jungen Psychologie werden ausgebreitet, bekommt einen Einblick in das alltägliche Leben des Bürgertums aus dem Blickwinkel der Bediensteten und erfährt welchen Gefahren diese, oft noch halbe Kinder, wenn sie in die Haushalte kommen, ausgesetzt sind. Mir war da an manchen Stellen etwas zu viel pädagogischer Übereifer am Werk, zu viel Sendungsbewusstsein, was erklärbar ist, wenn man erfährt,  dass Atwood diese Geschichte schon seit Jahrzehnten umtreibt. Schon während ihres Studiums versuchte sie sich an einem Operlibretto und schrieb 1974 ein Fernsehspiel „The Servant Girl“, das auf den Aufzeichnungen S. Moodies, eine der zeitgenössischen Quellen des Romans, basiert.

Ich denke gerade das Vermögen dem Leser eine ganze, pralle fremde Welt anzubieten, in der sie ihr politisches Anliegen verortet, war der Grund, dass ihre Bücher meine Regalböden einst füllten, dass mir diesmal die Welt schon bekannt ist, liegt möglicherweise auch an Margret Atwood, die mein Leseverhalten und Bücherkonsum nachhaltig geprägt hat.

alias Grace hat mir also nicht nur Einblicke in eines, der immer noch viel zu selten beschriebenen Frauenschicksale wie das der Grace Marks gegeben, sondern Atwood-typisch die gesellschaftlichen Mechanismen aufgezeigt, die dafür verantwortlich sind, und hat mir damit ganz nebenbei eine alte Bekannte, eine wichtige Autorin, zurück gebracht.

 

Margret Atwood: alias Grace. Piper Verlag. 2017


			

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