Ein Schwedenhappen Mord & Entführung

Seit ich im Süden Deutschlands lebe, habe ich eine nostalgisch, kitschige Sehnsucht nach der nordischen Landschaft. Als Kind mit einer Mutter gesegnet, die jede Erhebung über 300 m über NN als Berg bezeichnete und die bei Autofahrten südlich der Lüneburger Heide ob der so hügeligen Landschaft theatralisch Spucktüten auf dem Armaturenbrett bereit legte, habe ich die jeden Sommerurlaub an den skandinavischen Küsten der Nord- und Ostsee verbracht. Bei aller „free spirit“- Erziehung gab es in diesem Punkt keine Diskussionen. Meine Mutter liebt die Landschaft, die Menschen, die Lebensart, lange bevor hygge hip war. Sobald ich aber, zugegebenerweise mit 14 Jahren sehr früh, selber reisen durfte, war es für mich als Akt der Emanzipation also keine Frage, in welche Richtung mich mein Railway Ticket führen würde: gen Süden! Mit zunehmenden Alter erweiterte ich die Himmelsrichtungen, Verkehrsmittel und Kontinente, aber die Orte meiner Kinderzeit besuchte ich nie.

Jetzt, wo ich die Berge vor der Haustür habe, es um mich herum meist postkartenkitschig blau-weiß strahlt, der Föhn mich zu ersticken droht, vermisse ich wie nie zuvor den Norden und befriedige das mit dem exzessiven Konsum skandinavischer Krimis.

Jonas Moström hat mit Dominotod  , im Dezember 2017 im Ullstein Verlag erschienen, seinen zweiten aus der Natalie-Svensson-Reihe vorgelegt, mit dem ich gestern bei strahlend blauen bayrischen Wetter auf der Gartenliege gen Schweden abgetaucht bin.

384 relativ unblutige Seiten, die aber eine solche Sogwirkung hatten, dass ich ihn erst aus der Hand legen konnte, als ich wusste, wer es war. Aber der Reihe nach 🙂

In Dominotod geht es, wie in seinem Vorgänger (, den ich noch nicht gelesen habe, was zum Verständnis des Buches auch nicht notwendig) ist, um die renommierte psychiatrische Oberärztin und Professorin Natalie Svensson, 45, frisch geschieden und auf der Suche nach Streicheleinheiten fürs weibliche Ego, Mutter zweier Grundschulkinder aus Uppsala und im Sorgerechts-Clinch mit deren Vater, die mit ihrem Fachwissen eine Schweden weit operierendes Spezialeinheit OFA (Einheit für operative Fallanalyse) bei der Aufklärung schwerer Gewaltverbrechen unterstützt.

In diesem Fall werden sie zur Verstärkung des Vorortteams in den waldreichen Norden Schwedens nach Sundsvall gerufen, wo ein am örtlichen Krankenhaus beschäftigter Arzt, Thomas Hofmann, nur mit einer Unterhose bekleidet im Wald tot aufgefunden wird. Er scheint vor seinem Tod mehrere Tage gefangen gehalten und gefoltert worden zu sein, bevor man ihn mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen hat. In seinem Rachen findet die Gerichtsmedizinerin einen Dominostein.

Ein weiterer Stein taucht wenig später neben dem Namensschild des vermutlich vom selben Täter bzw. von den selben Tätern entführten Kollegen, Oberarzt Eric Jensen, auf. Er ist ebenfalls geschieden und seit Schultagen der beste Freund des für den Fall verantwortlichen Kriminalhauptkommissar Johann Azberg, 40.

Azberg ist Vater eines gerade kränkelnden anderthalbjährigen Sohnes und lebt mit ihm und dessen Mutter, Carolina zusammen, die mitten in den Ermittlungen sehr engagiert dabei ist „die Beziehung auf die nächst höhere Ebene“ zu heben 😉

Der letzte Mensch hingegen, der Eric lebend gesehen hat, ist Natalies verheiratete, jüngere Schwester Estelle, zu der sie seit ein paar Jahren nur begrenzt Kontakt hatte.

Zu den emotionalen Verstrickungen durch persönliche Beziehungen der Ermittler zu Opfer und Zeugen, kommt erschwerend der Zeitdruck hinzu, da sie schnell erkennen, dass die Opfer nach 3 Tagen Gefangenschaft getötet werden.

Vom spannenden und stilistische gut konstruiertem Plot, der Leser nähert sich der Geschichte aus zwei Erzählperspektiven und Zeitebenen, und dem malerischem Setting abgesehen, finde ich das sozialpolitische Kolorit und die Figurenzeichnung besonders hervorhebenswert. Das Skandinavien, so auch Schweden, uns in Punkto Emanzipation und Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein gutes Beispiel sein kann, weil dort vieles schon diskussionslos als gesetzt gilt, was wir hier noch zäh verhandeln, zeigen nicht nur die Figuren, sondern auch der Autor. Moström, Jahrgang 73 und selbst Mediziner, hat in seiner Elternzeit zu schreiben begonnen.

Überhaupt gefiel mir die (für mich typisch skandinavisch) Normalität der Ermittler.

Die einzelnen, dezenten Verweise im Roman auf den ersten Teil der Reihe „So tödlich nah“ hat mich so neugierig gemacht, dass ich mir jetzt wohl noch einen Tag Schweden in Bayern gönne 🙂

 

 

Jonas Moström: Dominotod. Kriminalroman. Ullstein Verlag

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