Herr Karl denkt

Der Herr Karl ist verliebt.

Herr Karl, das Pendant des österreichischen Herrn Mustermann, wird vom Statischen Bundesamt immer dann bemüht, wenn es darum geht den Durchschnittsmann und dessen Befindlichkeiten darzustellen. Welche Schuhgröße er trägt, welche Eissorte er schleckt und wie viele Kinder er so zeugt? Ein Mann mitten aus dem Volk, der hier (vermeintlich) mit der oft bemühten Volkes-Stimme spricht.

Der 62-jährigen Dr. der Geschichtswissenschaften,  Junggeselle seit ewigen Zeiten und Journalist der größten österreichischen Boulevardzeitung, Karl Schmied, ist, vielleicht sogar das erste Mal, so richtig verliebt. Verliebt in Sonja, die als Gastarbeiterin in Wien nur wenige Stunden pro Woche Zeit für ihn hat.

Die unerfüllte Sehnsucht macht ihn redselig und aus Mangel eines realen Gegenübers ist es an den Lesern in der Gedankenspringflut von amusanter Beschreibung des Redaktionsalltags, nostalgischen Kindheitserinnerungen im konservativen Wien der Nachkriegszeit allein mit der Mama, bis hin zur weltpolitischen Großwetterlage im allgemeinen, dem Inneren Dialog des Protagonisten, nicht ans feindliche Ufer gespült zu werden.

Ist Dr. Schmied als Akademiker, mit gut bezahlter Festanstellung, auch nicht unbedingt Durchschnitt im Gauß`schen Sinne, ist er doch ein Mann, der von sich behauptet ganz nah dran an Volkes Stimme zu sein, und diese mit Schriftgröße 36+ und im Fettdruck etwas lauter gestalten zu können.

Von Montag bis Donnerstag lässt die Autorin ihren Helden schwadronieren, monologisieren & philosophieren, salbadern, palavern & hadern,  gar geifern & keifen, kein Thema zu dem er keine Meinung hätte, gerne auch mal sich widersprechende. In diesem Punkt ist Herr Karl ganz schrecklich menschlich, ein Jedermann, der natürlich auch eine Jederfrau sein kann, und uns den Spiegel vorhält. Gefährlich wird es, wenn die Personen als Medienvertreter eine besondere Wirkmacht haben.  Und noch gefährlicher, wenn gefühlige Meinungen Fakten den Platz streitig machen und zu Handlungsmaximen werden.

Am Freitag dann kommt es zum Show-down, der eigentlich jedem Western alle Ehre machen könnte, wenn dieses letzte Kapitel nicht so überzeichnet wäre, dass es etwas von einer Farce hat. Wo es 4 Tage handlungsarm vor sich hin plätscherte, aber gedankenreich grollte, wird nun der behäbige Kommentator aus seinem gemütlichen Besserwissersesssel geschubst, zum Routieren & (Über-)Agieren gebracht. Mir fehlt die logische inhaltliche und konzeptionelle Verbindung zwischen den vorherigen vier und diesem Kapitel.

Hier wird am deutlichsten, dass Livia Klingl, eine in Österreich sehr bekannte Journalistin mit Schwerpunkt Kriegsberichterstattung, langjährige Leiterin des Außenpolitikresorts im Kurier und Trägerin des Staatspreises für publizistische Leistungen im Interesse der Geistigen Landesverteidigung im Jahre 2000 das Genre Roman als weiteres Vehikel, neben ihren aufklärerischen Sachbüchern, benutzt, um ein politisches Statement zu machen. Das ist natürlich aller Ehren wert.

ABER…warum hat diese kluge Frau, ein Medienprofi, die in diesem Buch schließlich auch Medienkritik thematisiert, bitte nicht auf den marktschreierischen, klar auf die Verkaufszahlen schielenden, Titel verzichten können???  Lügenpresser! Das ist billig & beschämend.

Der Begriff Lügenpresse, der vom rechten Rand nicht nur in Dresden & Wien auf der Straße, sondern auch im „world wide web“ skandiert wird, der die Presse als gesteuerte Institution, als Systemmedien „am Gängelband von..“ meint, die bewusst, also wider besseren Wissens, die Unwahrheit schreiben, reicht zurück ins 19. Jahrhundert und vor allem die Nazis haben ihn in propagandistischer Absicht zur politischen Gleichschaltung benutzt.

Wenn dieser Begriff nun von den Medien und ihren Vertretern bedenkenlos übernommen wird, verharmlosen sie ihn, und machen den rechten Diskurs nicht nur zitierfähig, sondern titelgebend.

 

 

Ich danke dem Kremayr & Scheriau Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Livia Klingl: Der Lügenpresser. Kremayr & Scheriau Verlag

 

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