Dein ist mein ganzes Herz

Dies ist ein Buch über eine Freundschaft. Dies ist ein Buch über die Liebe. Dies ist ein Buch, über das, was passierte als die Grenzen verschwammen.

Der liebevolle Blick der Autorin, Wlada Kolosowa, die mit 12 Jahren aus St. Petersburg nach Cottbus kam, und 12 Jahre später mit den Augen einer deutschen Touristin von Couch zu Couch surfte, auf das Heimatland ihrer Familie, macht die Geschichte so berührend. Ihre damalige Reise hat sie  in „Russland To Go – Eine ungeübte Russin auf Reisen“ verarbeitet, das 2012 erschien. Wie sich das Leben junger Russen jenseits der mondänen und hippen Hotspots wie St. Petersburg und Moskau anfühlt, hat sie sehr eindrucksvoll in ihrem Debut dem Coming-of-age Roman  Fliegende Hunde dargestellt.

Lena und Oxana, beide 16, leben seit ihrer Geburt Wand an Wand in dem fiktiven St. Petersburger Vorort, Krytylowa, eine Trabantenstadt, die es an Tristesse mit jeder Hochhaussiedlung  von Paris oder Hamburg aufnehmen kann. Bröckelige Betonwüsten, aufgestapelte Quader, Pioniertaten der egalitären Sowjetarchitekten, davor heruntergekommenen Spielplätze, von deren Geräten die Farbe wie billiger Nagellack abplatzt,  auf den Bänken  je nach Tageszeit jungen Müttern, alten Omis oder notorische Freilufttrinker.

Diese Freundschaft, die ihnen in die Wiege gelegt worden zu sein scheint, bindet sie aneinander, so dass die Außenwelt, die Eine nicht ohne die Andere denken kann. Von diesem Gefühl der Einheit, bei der sie gemeinsam im Jungmädchenbett liegen und an Fenster fliegende Hunde beobachten, zum Einssein sind es nur wenige Zentimeter gewanderter Fingerspitzen unter der Bettdecke. Das kann die Einzelne stärken, oder so sehr verwirren, dass sie flieht.

Und Lena, die lange Dünne, die hier alle Jungs abfällig nur Rechen nennen, die mit ihren straßenköterblonden Haaren und den Glubschaugen, noch immer ungeküsst ist, und deren Schulnoten eher mittelprächtig sind als das sie ihr Ticket für eine bessere Zukunft sein könnten, befreit sich aus der Symbiose.

Sie nutzt die Chance, das Versprechen einer Modelkarriere auf dem großen aufstrebenden Markt im Land des Mitte, wo groß, fettlos und mitteleuropäisch noch gefragt ist. Lena zerschneidet die Nabelschnur, bringt über 9000 km zwischen sie beide. Sie lässt Oxana zurück mit der gemeinsamen Vergangenheit und macht sich auf in die Zukunft, die für sie in Shanghai liegen soll.

Als sie sich dann einfach nicht bei der Freundin meldet, füllt Oxana, den Hunger nach Nähe, nach Lena, mit der Mitgliedschaft in einem perversen Internetforum, über das sie bei ihrer Recherche für eine Schularbeit gestoßen ist. In diesem Geheimbund versuchen junge, namenlose Russinen die ultimative Magerkeit durch die minimale Kalorienmenge, die den Einwohner St. Petersburgs, damals noch Leningrad, während der Blockade der Stadt vom September 1941 bis zum Januar 1944 zur Verfügung stand, zu erreichen. Damals verloren etwa 1,1 Mio. Zivilisten ihr Leben, Die meisten von ihnen verhungerten.

Qxana wird durch ihr Geschichtswissen zur Blockade und die eingestellten Rezepte der dementen Großmutter Lenas, die die Blockade dank Ledersuppe mit Nelkenbeigabe und Kleisterbuletten überlebt hat, zur mit Likes und Herzchen dekorierten Koryphäe, ein „hot ranked member“ der bizaren Leningraddiät. Und dass, obwohl sie beim von der Handycamera aufgenommenen und zur Massenkritik durch die Kampfdiätlerinnen freigegebenen Wiegen und Speckfalten Messen genau so mogelt wie beim Hungern.

Als nach Wochen des Wartens endlich eine Mail bekommt, ist es als hätte ihr eine Fremde geschrieben, nichts als klischeehafte Beschreibungen eines Vogue-Model-Lifestyles. Das die weder etwas mit Lenas realen Leben in ihrer restlos überbelegten Model-WG in Shanghai, zwischen stinkenden chinesischen Instanttütensuppen, entmenschlichten Anziehpuppenjobs in wenig glamourösen Lagehallen und einem übergriffigen Betreuer. Das um 9 das Licht ausgeht wie in einem Mädchenpensionat in den 50ern, dass der chinesische Markt schon nicht mehr schreit nach russischen Gesichtern, dass die Alternative, der ungefragten Mädchen das Abendprogramm mit ältlichen Herren ist, schreibt sie nicht.

Lena wählt das Alternativprogramm in Form eines ältlichen Fotografen, Rafik, mit dem sie relativ erfolgreich ihren Körper gegen bessere Jobs tauscht, statt Sommerkleidchenphotos in eisiger Kälte, lebendige Attraktion zum Anfassen für Jedermann in einem Freizeitpark, win-win würde sie sagen.

Nach drei Monaten Trennung kehrt Lena zurück, zwischen Fremdeln und Freude schwankend, kommt es an ihrer gemeinsamen Geburtstagsfeier zu unerwarteten Erkenntnissen.

Kolosowa ist mit ihrem Debut eine spitzzüngige, pointierte Darstellung des Alltags weiblicher, russischer Teenager am Rande der großen Stadt gelungen, die sich, wer hätte das gedacht,  essentiell wenig unterscheidet von der in anderen großstädtischen Randgebieten dieser Welt, genau so wenig, wie das Thema Frauenfreundschaft literarisch unberührt ist und doch gelingt es ihr, dem Kanon etwas Neues, Lesenswertes hinzuzufügen. Sie bleibt nah bei ihren Figuren und stellt sie trotz schonungslosem Blick auf die Realität, der sich nie als Anklage liest, nicht bloß.  Ein lesenswerter Roman.

 

Wlada Kolosowa: Fliegende Hunde . Ullstein Verlag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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