Ihr name war Mary.

M.A.R.Y. und ihre Haare hatten die Farbe von Milch (was völlig egal ist, weil die Geschichte nicht anders verlaufen wäre, wenn sie die Farbe von Whisky hätten)

Es ist ihre Geschichte und sie schrieb sie eigenhändig auf im Jahre des Herrn 1831(also zu einer Zeit, als nicht viele Bauernmädchen schreiben konnten und dafür, dass sie es konnte, hat sie einen hohen Preis gezahlt, wird der Leser erfahren)

Sie, die Ich-Erzählerin, die vierte und jüngste Tochter eines englischen Bauern, der statt so viel Östrogenüberschuss in der Familie bei jedem Kind auf einen zupackenden Sohn gehofft hat, und seinem Frust regelmäßig auch non-verbal zum Ausdruck bringt. Mary, mit einem verkrüppelten Bein als Arbeitskraft auf dem Hof noch weniger Wert als ihre Schwestern, wird von ihm mit knapp 15 Jahren für eine Zuwendung, die den gewünschten Mähdrescher finanzieren hilft, in den Pfarrerhaushalt jenseits des Hügels verhandelt, wo sie sich um die schwer herzkranke Ehefrau kümmern soll. Mary fügt sich dem Willen ihres Vaters, doch gibt sie weder ihm noch ihrem Arbeitgebern gegenüber vor, dass sie das freiwillig tut. Die Pfarrersfrau, die an dem aufgeweckten Mädchen, die ihren Gedanken stets ungefiltert freien Lauf lässt, keine Angst vor Repressalien hat, ihre Freude zu haben scheint,  nach einigen Monaten, kurz nach dem ihr Sohn Ralph zum Studium das Haus verlässt, stirbt, verlängert der Witwer das Arrangement mit ihrem Vater. Weil es nun weniger Arbeit im Haus gibt, entlässt er das langjährige Dienstmädchen, obwohl er darum weiß, dass es Mary ist, die gerne zurück zu ihrer Familie möchte. Allein mit Mary im Pfarrhaus bittet der der ältere Mann das junge Mädchen nun jeden Abend nach dem gemeinsamen Abendessen in der Küche hinter seinen Schreibtisch neben ihm Platz zu nehmen, um ihr mit Hilfe der Bibel Schreiben und Lesen beizubringen und wird von Tag zu Tag übergriffiger bis die Situation eskaliert.

Nach einem Jahr nur sie nur noch zwei Wünsche, dass sie noch genug Zeit hat, jetzt wo sie doch die Worte buchstabieren kann, ihre Geschichte zu Papier zu bringen und dass ihr das schnell genug gelingt, bevor man erkennt, dass die Übergriffe Folgen hatten.

Mit einer fast unheimlichen anmutenden Distanz zu sich selbst und den Ereignissen beschreibt die Ich-Erzählerin dieses letztes Jahr in ihrem kurzen Leben. Mit stoischer Gleichmut berichtet sie von einem harten, ungerechten Leben, in dem ein Mädchen wie sie kaum eine Chance hatte. Erst der Vater, dann ein Ehemann, und wenn nicht der, dann ein Dienstherr bestimmten die Regeln, nach denen die Frauen damals lebten, geben und vor allem nehmen. Mary hat im Gegensatz zu ihren Schwestern keine rosaroten Träumen von einem anderen, besseren, freien Leben, sie ist zufrieden mit dem kleinen Glück, ein Leben mit den Personen, die ihr am Herzen liegen.  Wahre Freiheit kann es für ein Mädchen wie Mary nur auf eine Art geben.

Leyshons Mary ist nach Margaret Atwoods Grace, schon das zweite Mädchen des Prekariats im 19. Jahrhundert. Die eine aus England, die andere aus dem ländlichen Kanada, deren Geschichten, einer Beichte gleich, ich innerhalb des letzten Jahres lausche. Denn die Unmittelbarkeit mit der Mary erzählt entwickelt eine besondere Energie, gibt dem Leser das Gefühl sie spräche direkt zu ihm, zöge ihn, nur ihn, ins Vertrauen und dabei sucht sie weder Verständnis noch Vergebung.  Sie bedauert nicht, entschuldigt nicht und erklärt nichts; sie stellt fest.

Die Stilistik und Konstruktion der persönlichen Aufzeichnung orientiert sich sehr gekonnt an der literarischen Vorlage, der Bibel, mit der ihr das Lesen gelehrt wurde. Die Sprache ist bildgewaltig und wirkmächtig. Dass sie sie sich nach nur wenigen Stunden Unterricht einen solchen Wortschatz angeeignet haben kann, oder auch dass man ihr an diesem Ort in ihren letzten Tagen Feder, Papier und Tinte zur Verfügung stellt, sollte man dafür als künstlerische Freiheit der Autorin hinnehmen. Dass die Vermittlung der Interpunktion nicht über den Punkt als Satzzeichen hinaus gekommen ist, irritiert am Anfang den Leser, benutzt Leyshon etwas expressiv, um Marys Bildungsstand noch deutlicher zu machen.

Weniger nachvollziehbar für mich war, dass ein Mädchen, das so couragiert ist wie Mary, die Dinge intuitiv durchschaut, hinterfragt, die ausspricht, was sie denkt, auch gegenüber mächtigeren Personen, ohne Angst vor den Konsequenzen,  plötzlich verstummt, sie nicht versucht sich wenigstens verbal zu wehren, ihre spitze Zunge nicht zum Selbstschutz benutzt.

 

 

 

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