Der Pre-Ripley

1818,, 30 Jahre nach J. W. von Goethe, betritt der junge Franz Wercker, der trotz seiner Herkunft nichts so sehr liebt wie die Welt der Literatur, das Sehnsuchtsland aller deutschen Künstler, Italien. Nach einer auch für die damalige Zeit traumatischen Jugend, geprägt von einer lieblosen Mutter und einem alkoholkranken, sadistischen Vater, dessen Hass so weit geht den Sohn bei lebendigen Leib zu begraben, Armut und Kerkerhaft der er sich durch Flucht bis über die Alpen entzieht, findet er sich in seiner Schicksalsnacht am Ufer des Gardasees, in dem er sein armseliges Leben beenden will, wieder. Was ihm auch gelingt, wenn auch anders als von ihm geplant. Denn durch den gescheiterten Versuch den, vom bayrischen König Maximilian mit einem Stipendium versehenen hochnäsigen, jungen Nürnberger Dichter Cornelius Lohwald nach einem alkoholisierten Sturz in den See zu retten, eröffnet sich Franz die Chance sein altes Leben hinter sich zu lassen und ein neues zu beginnen. Franz wird zu Cornelius,, wie der talentierte Mr. Ripley zu Dickie Greenleaf. Während der für ihn ungewohnt bequemen Reise mit der Kutsche durch die verschiedenen Herzogtümer gen Rom, macht er sich mit Hilfe der in den Koffern befindlichen persönlichen Gegenständen mit dessen Leben vertraut.. In Rom angekommen schwankt er immer noch zwischen dem Glücksgefühl inmitten der schnell gefundenen Dichter- und Malerfreunde wenigstens für das Jahr seines Stipendiums ein Leben führen zu können, dass er sich nie hätte auch nur erträumen können, und der Panik als vermeintlicher Mörder und Betrüger erkannt zu werden, entscheidet sich dann aber doch die Zeit bis dahin zu genießen.. Und das tut er. Es gelingt ihm nicht nur Cornelius‘ vom König gelobte und in Deutschland veröffentlichte Ode eine zweite im gleichen erhabenen Ton folgen zu lassen, sondern einen düster-romantische Geschichte, einen in Rom spielenden Schauerroman, zu schreiben. Als Cornelius kaltherzige Schwester in Rom eintrifft, wird Franz zum Protagonisten eines Schauerstücks nach Isoldes Drehbuch. Der Autor, Christian Schnalke, ein bekannter und erfolgreicher Theater- und Drehbuchautor legt mit diesem Roman einen für mich nicht ganz überzeugenden Genremix aus Historischem Roman, Bildungs- und Schauerroman vor.. In der ersten Hälfte, die auf Grund seines Bestrebens jeden historisch verbürgten Künstler, der sich zu dieser Zeit in Rom aufhielt, namentlich mit allen Vor-Tauf- und Zunamen zu erwähnen und das jedes Mal, wenn sie eine Szene betreten oder abgehen, also name-dropping at its best, sich dafür aber bei der Charakterisierung zurückhält; die bei so viel namentlich eingeführtem Personal nicht über die, der Nachwelt erhaltenen Bildbeschreibungen von Skizzen, Zeichnungen & Stiche hinausgehen. Was leider auch für die Beschreibung der geographischen Hauptdarstellerin, der Stadt am Tiber, gilt. Die trotz Beschreibung jeder im Baedecker je erwähnten Sehenswürdigkeit seltsam blaß für mich bleibt. Diese erste Hälfte ist für mich auf weiten Strecken zu blutleer zu leidenschaftslos, eher Reiseführer und Einführungsveranstaltung zur Kunstgeschichte. Mit Franz‘ „römischen Fieber“, dessen Ausbeute sein Schauerroman ist, wendet sich Stimmung und Tempo des Romans und als dann Isolde mit Quasimodo gleichem Kutscher und ihrer bei Daphne du Maurier geklauter Gouvernante kommt, meint man einen anderen Roman zu lesen. Nicht dass mir das nicht gefallen hätte, auch die Anleihen, mir gefällt selbst der Kunstgeschichtsunterricht. Nur finde ich die Gesamtkomposition nicht ganz stimmig.

 

Christian Schnalke: Römisches Fieber. Piper Verlag

 

 

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