Solidarität Schwestern!

Seit Stunden belauern sie sich gegenseitig: das Alligatorenweibchen, das seine Jungen beschützen muss, und Gertrude, deren vier Töchter seit Tagen nichts gegessen haben. Ein Schuss fällt, doch er trifft nicht das Reptil – es gibt Schlimmeres als Hunger.

Es war dieser Zitat, dass mich neugierig gemacht hat, so neugierig, dass ich meine bornierten Vorurteile überwunden habe, es trotz der Autorin zu lesen.

Der Debutroman Alligatoren, der Anfang September 2018 in Deutschland erscheint, wird vom Verlag Harper Collins nämlich mit dem Hinweis auf die Autorenschaft Debra Speras bei der erfolgreichen amerikanischen TV Serie Criminal Minds beworben. Speras ist, das spukt Google aus, ein US-amerikanisches Produzenten Urgestein. Sie war an Filmen wie „Gilbert Grape“ & „From Dusk Till Dawn“ beteiligt und an verschiedenen sehr erfolgreichen TV Serien, u.a. ist seit 2011 mit ihrer eigenen Produktionsfirma One-Two Punch Production erfolgreich.

Spera ist aber auch Absolventin des UCLA (University of California, Los Angeles) Extention Writers‘ Programm & Finalistin der renommierten Montana & des Kirkwood Literaturpreises. Also gab ich dem Buch eine Chance.

Die Autorin, die selbst in den Südstaaten aufgewachsen ist, lässt ihre Geschichte in dem kleinen Ort Brancheville, im Nordosten Alabamas, spielen, in dem ihre eigene Großmutter aufgewachsen ist und den sie als Kind oft besucht hat. Dort, in einer Region geprägt von großen, wenn auch nicht mehr rentablen, Baumwollplantagen mit ihrem „Vom Winde verweht“- Herrenhäusern, in denen immer noch weiße Herren mit ihren Misses über die Gemeinde regieren, nun umsorgt von der erste Generation freier Schwarzer, nach dem Bürgerkrieg, 1865, schaffte der 13. Verfassungszusatz offiziell die Sklaverei ab, lässt Spera ihre drei so unterschiedlichen, kämpferischen Heldinnen im heißen Spätsommer im Jahre 1924 aufeinander treffen.

Als da wären Gertrude Pardee, von der das Eingangszitat stammt. Eine junge, weiße Mutter, die früh und ungefragt von ihrem Vater an ihren Mann, verschachert wurde, dessen strenger Vater dies auch für ihn entschieden hatte, der schon nach kurzer Ehezeit meist nur durch Abwesenheit glänzt und wenn er in ihrer armseligen Hütte am Rande des Sumpfes auftaucht, betrunken ist, schlägt und die Mädchen verprügelt, wie er von seinem Vater verprügelt wurde und ihnen das bisschen Geld klaut, das sie mehr schlecht als recht vom Verhungern bewahren könnte. Ihre einzige Zuflucht vor Hunger und Gewalt von Zeit zu Zeit ist die kleine, unergiebige Farm, die ihr kinderlos verheirateter Bruder allein mit seiner Frau bewirtschaftet. Gertrude erkennt, dass sie ihr Leben selbstbestimmt, im besten Wortsinne, in die eigene Hand nehmen muss, um sich und  ihre Töchter zu schützen, auch wenn das bedeutet sich über die für sie als weiße Unterschichtsfrau geltenden moralischen Regeln hinwegzusetzen.

Auf der Suche nach Arbeit als Näherin trifft sie auf Oretta Booties, eine hellsichtige, ältere Schwarze, die seit Jahrzehnten als Haushälterin auf der Baumwollplantage der Familie Cole arbeitet, und ihr, obwohl sie sich nicht kennen, anbietet ihre kranke kleine Tochter bei sich aufzunehmen. Oretta und ihr Mann leben in der vorrangig von schwarzen bewohnten Siedlung, Shag Rag. Die stolze Frau lebt in der Gemeinschaft ein bescheidenes Glück, überschattet von dem Jahre zurück liegenden Verlust ihrer geliebten, kleinen Tochter und dem Tod ihrer besten Freundin Odell. In deren kleines Siedlungshäuschen zieht Gertrude mit ihren Töchtern nachdem sie den Job bekommen hat.

Und dann ist da noch Annie Cole. Die angesehene Misses, der es nicht reicht nur die Ehefrau des Plantagenbesitzers zu sein. Auch sie hat den schmerzlichsten Verlust erlebt, den eine Mutter erleben kann. Ihr jüngster Sohn starb schon als Kind durch ein Unglück, dessen schrecklicher Hintergrund ihr erst im Laufe der Geschichte bewusst werden wird, und auch ihre zwei Töchter konnten das Elternhaus nicht schnell genug verlassen und weigern sich seitdem es wieder zu betreten. Die über beträchtliches eigenes Vermögen verfügende Annie hat sich aus einer ehemaligen Baumwollsäckenäherei ein über die Region hinaus erfolgreiches Modeatelier aufgebaut. Dessen Auftragslage auch dank der Kreativität ihres älteren Sohnes, Lonnie, eines freundlichen, schüchternen jungen Mannes, so gut ist, dass sie immer mehr Frauen der Umgebung als Näherinnen beschäftigen kann Diese haben so die Möglichkeit auf eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit von ihren meist noch in der Landwirtschaft arbeitenden Männern, wenn sie an modernen Nähmaschinen den die Region einst reich gemachten Baumwollstoff vor Ort verarbeiten. Obwohl der Baumwollkapselkäfer in den letzten drei aufeinanderfolgenden Jahren auch die Ernte auf den umliegenden Plantagen zerstört hat, auch die ihres Mannes, und die etwaigen Rücklagen und Ersparnisse gleich mit, stehen also immer mehr Plantagen vor dem finanziellen Ruin, so halten diese Männer der Oberschicht an  ihrer stolzen, selbstherrlichen Gebaren fest.

Alle drei Protagonistinnen übernehmen abwechselnd die Rolle der Ich-Erzählerin, mit erkennbar unterscheidbaren Stimmen, lassen sie den Leser ganz nah heran, offenbaren ihre Ängste und Träume, zeigen ihre persönlichen Verletzungen.

Speras Frauen, ob Protagonistin oder Nebenrolle, u.a. die historische Suffragette und Charlestons erstes weibliches Ratsmitglied, Clelia McGowan, sind allesamt starke Frauenrollen, sind Kämpferinnen, löwenstarke Mütter, Frauen die sich auch damals nicht mit dem Katzentisch des Lebens zufrieden gaben, die mehr wollten als die Gesellschaft freiwillig bereit war ihnen zu geben. Sie waren unkonventionelle Vertreterinnen ihre Klasse, deren innere Stärke, ihr Streben nach Freiheit und einem selbstbestimmten Leben, deren Sinn für Freundschaft auch über Klassen- und Rassenschranken hinweg sie zu wichtigen Rollenmodellen macht.

Der rurale US-amerikanische Süden als Erzählort, ihre Figuren und die Themenwahl  erinnern natürlich stark an die  bekannten und ausgezeichneten Romane Die Farbe Lila von Alice Walker, erschienen 1982, und Grüne Tomaten von Fannie Flagg, erschienen 1987, und doch hat Alligatoren etwas Eigenes. Die Geschichte um die drei Frauen ist melancholisch, manchmal sogar traurig, anrührend, vorbildhaft, unbedingt kraftvoll und solidarisch mit ihren drei Heldinnen und ihren Leserinnen. Man spürt, dass Spera darum weiß, dass People of Color und wir Frauen allgemein auch heute noch für unsere Selbstbestimmung und Freiheit gegen eine patriachalische Gesellschaftsstruktur kämpfen müssen und dass wir diesen Kampf nur gewinnen können, wenn wir uns gegenseitig schwesterlich unterstützen.

 

 

Debra Spera: Aligatoren, Randomhouse, erscheint Anfang September 2018

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