Ein so schöner Roman

Ich schmeiße nicht so schnell mit Lob um mich, aber Gert Loschützs neuer Roman, für den er sich immerhin 12 lange Jahre Zeit gelassen hat, war das Warten wahrlich wert!

Ein schönes Paar auf jedem Photo sind die Eltern, Hertha & Georg, des Erzählers Philipp Karst, die 1957, noch vor dem Mauerbau, nach einem Zwischenfall übereilt die ehemalige DDR verlassen müssen und sich mit ihrem zehnjährigen Sohn in einem Ort im Hessischen niederlassen. Das ersparte Ostgeld angelegt in einer Kamera, rüber geschmuggelt zwischen der Wäsche im leichten Gepäck. Nach nicht einmal einem Jahr führt dieses Werkzeug, dass  wie kein anderes als Erinnerungsbewahrer gilt, zum Bruch der Ehe. Die Mutter verlässt Vater und Sohn und taucht unter in der gerade Mal zehn Jahre alten Bundesrepublik. Die Kommunikation mit ihrem Sohn führt sie einseitig, lediglich über sporadisch gesendete Postkarten versehen mit kurzen, unpersönlichen Floskeln, ohne jede Möglichkeit für ihn ihr zu antworten oder sie zu kontaktieren. Jahre später kehrt sie ohne jede Erklärung an den Ort zurück, trifft sich mit ihren Sohn nun regelmäßig, wobei die Distanz und Sprachlosigkeit nie ganz verschwindet .

Gert Loschütz Roman Ein schönes Paar mit autobiographischen Zügen, der Autor selbst ist 1946 in Genthin geboren, ist als Junge mit seinen Eltern in den Westen geflüchtet, wo die Mutter wenig später verstarb. Er kennt Flucht- und Verlusterfahrungen also aus eigener Erfahrungen und weiß, wie sehr das eine Biographie für immer prägt.

Sein Protagonist Philipp stößt nach dem Tod der Eltern, im Abstand von nur wenigen Wochen, wie es bei lange miteinander verbundener Eheleute nicht selten vorkommt, doch waren Herta und Georg seit über 40 Jahren getrennt, bei den nun folgenden Haushaltsauflösungen auf jenen Photoapparat & alte Photos. Dadurch beginnt er über das Leben & die Liebe der beiden Königskinder, die zum Schluss auf zwei gegenüber liegenden Hügeln der Stadt, getrennt durch einen Fluss, lebten, zu phantasieren.

Loschütz Held erzählt die Geschichte seiner Eltern nicht chronologisch, sondern springt im Zeitverlauf hin und her, aber Erinnerung funktioniert ja auch nicht linear. Was er erinnert sind Assoziationsketten, die durch Trigger ausgelöst werden, und auch vor seine Erwachsenenvita, seiner eigenen Liebeserfahrungen nicht halt machen. Sein Bemühen diese Liebe zu verstehen, sich den Eltern nach dem Tod anzunähern, die stets irgendwie Fremde geblieben sind, sie endlich zu verstehen, sich ihnen nah zu fühlen, auch um sie gehen zu lassen, treibt ihn an & gipfelt in einem versöhnlichen Ende.

Dem Nominierten des Deutschen Buchpreises ist mit diesem Roman eine wunderbar altmodische, romantische & dabei kitschfreie Geschichte über die Liebe gelungen, die zugleich eine psychologisch raffinierte & sensible Studie über unseren Umgang mit Verlust ist.

Ob die schöne Geschichte, die er dem schönen Paar zuschreibt, wahr ist, ist völlig nebensächlich, schließlich ist all unsere Erinnerung immer nur eine gefühlte Wahrheit.

 

 

Gert Loschütz: Ein schönes Paar. Verlag Schöffling & Co.

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