Der Wolf von Deutschland

Reich, reicher, Victor! Victor Jandl, der zynische Protagonist aus Alexanders Schimmelbusch neustem politischem Roman Hochdeutschland ist Member im Club der Superreichen, die ein Vermögen mit so vielen Nullen besitzen, das es einen schwindelig macht. Erworben hat der Kapitalismusversteher es als erfolgreicher Investmentbanker, ist er heute Partner in einer M & A Boutique (Egal ob Kauf, Verkauf oder Börsengang – das Projektmanagement, die Koordination aller Beteiligten und die Bewertung des Targets oder Börsenaspiranten sind dabei die wesentlichen Aufgaben des Bankers.) in Frankfurt. Er ist „Top-player“ in einem System, das die Masse nicht mehr durchschaut, von dem sie aber weiß, dass es die Reichen immer reicher macht, während für den großen Rest die dann noch bis exakt hinters Komma zu versteuernden Brotkrumen übrig bleiben.

Doch auch eines solchen Lebens kann man überdrüssig werden, und wenn das sich in der Systemgastronomie bei Vapiano unters gemeine Volk mischen kein heimeliges Wir-Gefühl schenkt, Geschwindigkeitsräusche mit dem natürlich „grünen“ Elektroporsche nur einen kurzen Serotoninrausch liefern, & sogar wahlloser high-class Sex keine Erlösung bietet, dann besinnen sich Alphamännchen gerne ihres Sendungsbewusstseins & schreiben Bücher.

In Victors Fall ist es ein Manifest. Ein revolutionäres Pamphlet, denn, wenn ihm schon keine Veränderung im Privaten gelingt, warum dann nicht den großen Wurf anpeilen? Dieses in einer halben Stunde runter geschriebene Papier hält sich nicht mit profaner Systemkritik auf, sondern will nichts Weniger als dem Umsturz der Verhältnisse, nichts Anderes als einen Neustart, die Errichtung der Deutschland-AG. Eine Dystopie seiner Heimat, in der er sich nicht mehr heimisch fühlt. Bei jedem anderen wäre das Blatt Papier in einer Schublade versunken, nicht so bei Victor, ein Mann wie er hat Kontakte, die Verflechtung von Wirtschaft & Politik hilft seinen Ideen in die Welt.

Das es sich dabei nur um einen kruden Mix aus ein wenig urlinker Theorien der Ära Marx & Engels zur Enteignung großer Vermögen handelt, sich eine schon pathologische Aversion gegen altes Geld in Form von Einstecktüchlein tragender Elite mit Adelstiteln offenbart, er von einer paternalistischen Staatslenkung à la Mao oder Perron fabuliert, es zeitgeistkonform natürlich mit ein bisschen populistischer Islamkritik würzt, und das Ganze verkauft als Rettung der Friedrich Merz’schen Definition von „wir alle“, also der breiten Mittelschicht, so what. Er findet Gehör, bei den Richtigen. Vom Großverdiener zum großen Politikzampano.

Auch Schimmelbusch, der selbst im Bankensektor gearbeitet hat, versteht es die richtigen Trigger zu setzen, um Hochdeutschland als vom Feuilleton herbeigesehnte, literarische Antwort auf die existenziellen, hochpolitischen Fragen unserer Zeit feiern zu lassen. Gelobt für seine schon fast dokumentarische Realitätsnähe ist es nun genau die, die ich bei dieser literarischen Anklage über das Scheitern der globalen Finanzökonomie nicht so ganz erkennen mag. Liegt doch dieser zugegebenermaßen höchst amüsant zu lesenden, bitterbösen one-man show die ewig gleiche, lange überholte Vorstellung der Allmacht des individuellen Akteurs & einer kleinen verschworenen Gruppe zugrunde. Und solch‘ einfachen, verschwörungstheoretischen Antworten gibt uns die Realität doch schon mehr als genug, sie werden durch Fiktionalisierung doch nicht „wahrer“.

Def. M & A Banker siehe https://www.e-fellows.net/Karriere/Branche-Banking/Investment-Banking/Mergers-Acquisitions


Alexander Schimmelbusch: Hochdeutschland. Tropen. Stuttgart 2018

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