Am Anfang war das Wort

Der erste Monat 2019 ist fast um & ich bin immer noch mit dem SuR (Stapel ungeschriebener Rezensionen) -Abbau des Jahres 2018 beschäftigt; ja, sowas hab ich auch!

Heute die Rezension eines meiner Favs des Deutschen Buchpreises 2018, der es sogar auf die Shortlist geschafft hat: Maxim Billers 6 Koffer 🙂

Eines vorweg, ich bin ein klitzekleines bisschen voreingenommen bei diesem Buch; ich habe nämlich ein pathologisches Faible für eloquente, intelligente, bitterböse, selbstverliebte Männerzungen. Ob Oscar Wilde, Marcel Reich Ranicki, Thomas Wolf oder Maxim Biller, ich hänge an ihren Lippen 🙂

Deshalb kann ich nur sagen: Ich liebe alles an diesem Roman! Den dichten, prallen, tragikkomischen Plot über Verrat, Antisemitismus, Flucht, Neuanfang, Familie & Liebe, Biller wildert dafür einmal mehr in seiner eigenen, höchst erzählenswerten Familiengeschichte (was übrigens auch schon seine Mutter Rada & Schwester Elena für ihre Romane erfolgreich taten), die eindringliche Figurenzeichnung seiner Verwandtschaft & natürlich die stilistische Eloquenz, mit der er auf nur knapp 200 Seiten davon erzählt.

Worum geht’s? Biller erzählt über einen vermeintlichem Verrat innerhalb seiner Familie, askenassischer Juden, über die Denunziation Großvater Schmils, der „Tate“ des Vaters des Erzählers, Sjoma, der 1960 in einem der vielen Schauprozesse in der damaligen Sowjetunion hingerichtet wird. Schmil hat sich äußerst erfolgreich nach dem WK II seinen Lebensunterhalt als Schwarzmarkthändler verdingt, wodurch er an wertvolle Devisen gelangt, von denen er einige im Gepäck hat, als er sich auf dem Weg zur Geburt seines Enkelsohnes Maxim Biller nach Prag befindet & am Moskauer Flughafen vom KGB als Devisenschmuggler festgenommen wird.

Es ist nun jener Enkel, der als Ich-Erzähler dieses Trauma des innerfamiliäre Trauma zu ergründen versucht. Schon als Kind nimmt er das leise Getuschel der Erwachsenen wahr, die mehr oder minder lauten Verdächtigungen, die nicht frei sind von persönlichen Ressentiments. Wer seiner Verwandten, seiner Mischpoche, hat Großvater in den Tod geschickt? Einer seiner vier Söhne? Die Schwiegertochter? Ein Onkel? Wer hatte mit der Weitergabe der Information über den Devisenschmuggel selbst am meisten Vorteile? Wer wollte seinen Kopf aus der Schlinge ziehen, indem er den alten Mann verkaufte? Was passiert mit einer Familie, wenn aus Bruder und Tante Verdächtige werden?

Nach den 6 Kapiteln, von denen fünf jeweils die Lebensgeschichte eines der Tatverdächtigen erzählt, die sich in Bezug auf die Tat vehement widersprechen, so dass der Erzähler wie auch der Leser sich fragt, was ist Lüge, was Wahrheit, wie glaubwürdig ist der jeweilige Erzähler, führt Biller den Leser immer weiter weg von der Schuldfrage, dafür hin zu der Erkenntnis, wie unmöglich ein Leben ohne jede Schuld in totalitären Systemen ist.

In Billers „forschender Fiktion“ (O-Ton Biller) geht es um den Verrat durch jemanden, dem man vertraut, geht es um die Fähigkeit zu vertrauen, wenn man doch eigentlich das Vertrauen in die Menschheit verloren haben muss, aber auch & noch mehr, geht es um die Macht der Worte, in einer Familie von unglaubwürdigen Erzählern.

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Maxim Biller: 6 Koffer. Kiepenheuer & Witsch Verlag. 2018

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